Hildegard und Mario

Die Europäische Zentralbank, von unten betrachtet

Hildeundkap

Obwohl Mario Draghi in letzter Zeit kryptische Andeutungen gemacht hat, die von manchen Auguren im Sinne der eventuellen Möglichkeit eines Ausstiegs aus der ultra-lockeren Geldpolitik in ferner Zukunft gedeutet werden, hält die EZB doch bis auf weiteres hieran fest. Meine Tante Hildegard findet das gar nicht gut …

Hildegard ist eine Art Tante von mir, die in Berlin in einer Ein-Zimmer-Wohnung lebt. Vor Kurzem ist sie 80 geworden, sie bekommt 861 Euro Rente im Monat, wovon 327 Euro für die Miete abgehen, 44 Euro für den Strom, 15 Euro fürs Kabelfernsehen, 30 Euro fürs Telefon und 150 Euro für die Versicherung. Bleiben 295 Euro für die „Dinge des täglichen Bedarfs“. Und wenn ihr – wie gerade erst wieder geschehen – eine Stromnachzahlung ins Haus flattert, müssen beim „täglichen Bedarf“ eben Abstriche gemacht werden.

Mario Draghi ist – nein, kein Onkel von mir. Ich weiß auch nicht genau, was er verdient und wo er wohnt. Ich nehme jedoch an, dass sein Einkommen etwas höher ist als das meiner Tante und dass er auch etwas mehr Platz zum Wohnen hat. Deshalb stelle ich mir manchmal vor, wie die EZB-Politik wohl aussähe, wenn Hildegard und Mario mal für ein paar Wochen die Rollen tauschen würden.

Ob Mario dann wohl immer noch diese religiöse Verehrung für die 2-Prozent-Marke bei der Inflation hätte? Auf Hildegards Prioritätenliste steht sie jedenfalls nicht so weit oben. Wenn sie Geld drucken dürfte, würde sie damit wohl vor allem die Kreuzfahrtbranche fördern – sie ist ein leidenschaftlicher Traumschiff-Fan. Da sie sich Kreuzfahrten nicht leisten kann, spart sie sich einmal im Jahr ein paar Euro vom Munde ab und investiert sie in eine Butterfahrt zum Hamburger Hafen. Dort steht sie dann den ganzen Tag lang vor den schwimmenden Palästen und stellt sich vor, wie sie darauf ferne Länder erkundet, angetan wie eine Prinzessin, umschwärmt von den Männern, die sie aber alle abblitzen lässt, denn natürlich hat sie ihr Herz längst an den Kapitän verloren. Und am Ende der Reise, in einer Vollmondnacht, nach dem Captain’s Dinner, steht er dann mit ihr an der Reling und gesteht ihr, dass auch er nicht mehr ohne sie leben kann …

Ich nehme an, dass Hildegard als EZB-Präsidentin alle Sitzungen an Deck eines Kreuzfahrtschiffes abhalten würde. Allerdings hätte sie dann natürlich einen großen Beraterstab, der dafür sorgen würde, dass die neue Konferenzkultur nicht als Sinnbild für eine Abkehr von der Austeritätspolitik, sondern als „mobiles finanzpolitisches Konklave“ in die Annalen einginge.

Anruf von Mario Draghi: Er findet meine Worte polemisch. Für ihn sei „Austerität“ doch gar nicht das oberste Gebot! Auch sei seine lockere Geldpolitik keineswegs – wie ich unterstellen würde – unsozial. Sie erleichtere vielmehr insbesondere den verschuldeten Staaten Südeuropas die Kreditaufnahme an den Finanzmärkten, indem sie die Zinslast auf ein erträgliches Maß reduziere. Dies komme letztlich auch den Rentnern zugute und sei damit gerade das Fundament einer nachhaltigen Sozialpolitik.

Interessant … Dann gibt es sie also doch, die Transferunion, dieses Phantom, das über allen EZB-Sitzungen schwebt, aber immer schnell in den Schrank gesperrt wird, wenn die Fotografen kommen!

Um es hier einmal ganz deutlich zu sagen – so deutlich, dass nicht nur Herr Draghi, sondern auch Herr Schäuble es hört: Die Idee einer Transferunion, eines Finanzausgleichs zwischen reichen und armen EU-Ländern, ist nichts, was man verschämt hinter verschlossenen Türen besprechen muss. In einer Zeit, in der allerorten die Egoismen und die Nationalismen die Ideale überwuchern, von denen die Gründung der Europäischen Union einst getragen war, ist es vielmehr etwas, womit man für „Europa“ werben kann.

Allerdings wäre ich dann auch dafür, sich offen zur Transferunion zu bekennen. Dann nämlich käme niemand auf die Idee, meine alte Tante die Rechnung dafür bezahlen zu lassen. Stattdessen würden wir dann vielleicht einen neuen, europäischen Solidaritätszuschlag einführen, der sozial gestaffelt wäre, so dass meine Tante dadurch nicht belastet würde. Um den neuen vom alten Soli zu unterscheiden, könnte man ihn „Euli“ nennen – was auch insofern passen würde, als das an die Eulen erinnert, die man bekanntlich nach Athen trägt, wo ja die größte finanzielle Unterstützung benötigt wird.

Erneuter Anruf von Mario: Ich hätte da was falsch verstanden. Im Falle Griechenlands seien die Hilfsgelder in erster Linie für die Gläubiger bestimmt, bei denen die griechische Regierung sich verschuldet habe. Es gehe da eher um die Architektur der europäischen Kreditwirtschaft, die bei einer Pleite Griechenlands erschüttert werden könnte.

Rückfrage von mir: Dann ist die Griechenlandhilfe also gar nicht für die Griechen bestimmt?

Doch, meint Mario, langfristig natürlich schon. Aber hinter der Griechenlandkrise verberge sich eben eine allgemeine finanzpolitische Krise, die das europäische System der Kreditvergabe im Ganzen betreffe. Deshalb sei hier auch gar nicht primär die EZB gefordert. Das würde, witzelt er, selbst einen „Super-Mario“ überfordern. Eine Bazooka allein reiche dafür nicht aus.

Bitte etwas konkreter, Mario: Geht es jetzt um die Unterstützung Not leidender Rentner oder um die Rettung Not leidender Banken?

Das eine lasse sich vom anderen doch gar nicht trennen, belehrt mich Mario. Ohne eine gesunde Kreditwirtschaft könne es auch keine gesunde Rentenpolitik geben!

Einwand von mir: Meine Tante bekommt jedenfalls keinen Kredit bei den Banken.

Mario meint, ich müsse das große Ganze sehen, eine weitere Perspektive einnehmen. Wenn die Unternehmen leichter an frisches Geld kämen, könnten sie mehr investieren, dadurch ziehe die Konjunktur an, der Staat nehme mehr Steuern ein, und auf diese Weise sei langfristig auch ein höheres Rentenniveau möglich.

Ach, Mario! Wenn diese paradiesischen Zeiten anbrechen, ist meine Tante doch längst in ein anderes Paradies umgezogen.

Nun gut, räumt Mario ein, für den kleinen Sparer bringe die Niedrigzinspolitik natürlich gewisse Härten mit sich. Aber das gute alte Sparbuch sei doch sowieso „old-fashioned“. Der kluge Anleger investiere heute eher in Aktien. Am besten solle meine Tante sich ein Aktienpaket von Rheinmetall oder von Daimler zulegen. Militär und Autos, das gehe immer, da könne man gar nichts falsch machen.

„Meine Tante ist ein Kriegskind“, gebe ich zu bedenken. „Ich glaube kaum, dass sie am Krieg verdienen möchte.“

Mario wirkt plötzlich ein wenig indigniert – fast so, als hätte ich ihm ins Ohr gerülpst. „Dann soll sie eben VW-Aktien zeichnen“, rät er mir schließlich. „Die haben gerade eine Talsohle erreicht, da ist die Gewinnmarge am höchsten.“

„Meine Tante leidet an Asthma – und nach dem Feinstaubskandal …“

„Na gut“, fällt mir Mario, ungeduldig werdend, ins Wort. „Wie wär’s dann mit Deutsche-Bank-Aktien? Die werden nach der Einigung im US-Hypothekenstreit sicher auch wieder im Wert steigen.“

„Die Banken haben meine Tante mit ihren Dispo-Zinsen fast in den Ruin getrieben. Außerdem hat eine Nichte von ihr gerade ihren Job bei der Deutschen Bank verloren, wegen der ‚Verschlankung‘ des Unternehmens – was dem Börsenkurs wahrscheinlich nicht geschadet hat …“

Ehe Mario mir noch einen weiteren heißen Tipp geben kann, setze ich hinzu: „Meine Tante hat aber auch gar kein Geld übrig, das sie anlegen könnte – und wenn, dann bräuchte sie das als Notgroschen und könnte es nicht langfristig anlegen. Sie ist eher eine von diesen Bruttosozialprodukt-Patriotinnen, die die Konjunktur mit Geld ankurbeln, das sie gar nicht haben.“

Mario wirkt auf einmal wie ausgewechselt. Enthusiastisch ruft er mir ins Ohr: „‚Seien Sie doch froh! Dann ist Ihre Tante ja in Wahrheit eine Profiteurin der Krise!“

Also ehrlich, Mario, das ist mir jetzt zu hoch, denke ich bei mir, während ich mich höflich für das Gespräch bedanke und das Telefonat beende. Das ist doch eher wieder eine Geschichte für die nächste EZB-Märchenstunde …

 

Text als pdf:

Hildegard und Mario

 

Bild: Copyright Diter Hoffmann (privat)

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