Deutschsprachige Liedermacher 1965-1985 – Teil 7: Monotonie und Eskapismus: Die Bands „Ideal“ und „Pankow“


Im letzten Teil unseres Liedermacher-Specials ging es um den österreichischen Künstler Georg Kreisler. Dieser setzt sich in seinen Liedern in ironisch-sarkastischer Weise mit eskapistischen Tendenzen auseinander: Das Ich artikuliert den Wunsch nach einem Ausbruch aus der bestehenden Ordnung, ist sich aber bewusst, dass dieses Ziel mit einem vorübergehenden Ausweichen ans Ende der Welt nicht zu erreichen ist.

Diesem reflektierten Eskapismus steht der in den gesellschaftlichen Alltag integrierte Eskapismus gegenüber, bei dem man es klaglos hinnimmt, den Traum von einem glücklichen Leben auf die Urlaubszeit zu verschieben. Dabei erscheint der Urlaub letztlich wie eine Aneinanderreihung von Sonntagen: Es geht nicht darum, zu sich selbst zu finden, Fremd- durch Selbstbestimmung zu ersetzen. Vielmehr dient der klassische Urlaub nur einer ausgedehnteren Regeneration, durch die die Funktionstüchtigkeit der einzelnen Arbeitskraft im Rahmen der bestehenden Verhältnisse gewährleistet werden soll.

Die Folgen hat die Band Ideal in zwei Liedern angedeutet, die sich auf dem 1981 erschienenen Album Der Ernst des Lebens finden. Mit dem typischen Sponti-Humor der Neuen Deutschen Welle wird hier beschrieben, wie der Traum von der totalen Bedürfnisbefriedigung – „Sex! Sex in der Wüste!“ – an sich selbst scheitert. In der „glühendheißen Sonne“ liegen die Urlauber nur „narkotisiert“ am Strand: Die Betäubung durch die Alltagszwänge daheim wird lediglich durch eine andere Form der Betäubung ersetzt.

 Die Gleichförmigkeit der Urlaubsansprüche führt zudem zu einer Uniformität der Urlaubsangebote. Wie die Band in ihrem berühmten Lied Monotonie in der Südsee vor Augen führt, ist es dadurch ganz egal, wohin man reist: Die Postkartenidyllen ähneln sich wie die Pauschalangebote. Auch in dieser Hinsicht wird somit nur ein Alltag durch den anderen ersetzt: An die Stelle der heimischen Monotonie der immer gleichen Fußgängerzonen tritt die Monotonie der austauschbaren Bettenburgen, und  die „Melancholie“ überfällt einen nicht bei Dauerregen, sondern „bei 30 Grad“.

1Als eine Art ostdeutsches Pendant zu Ideal lässt sich die Band Pankow ansehen. Auch sie hat mit dem 1984 veröffentlichten Lied von der See’nsucht einen Song vorgelegt, in dem sich das Ungenügen an den heimischen Verhältnissen im Traum von einer Reise zu den Weiten des Meeres manifestiert. Der gesellschaftspolitische Hintergrund ist dabei allerdings ein anderer als in den Liedern der westdeutschen Kollegen. Wenn etwa die Band Ton Steine Scherben gegen das „Zuchthaus“ der sozialen Verhältnisse ansingt, so handelt es sich dabei immerhin um ein Zuchthaus, dessen Insassen reisen konnten, wohin sie wollten. In der DDR dagegen hatten die Reisebeschränkungen zur Folge, dass der Traum vom anderen Leben sich ganz konkret in dem Wunsch, die anderen Gesellschaftsmodelle jenseits der Mauer kennenzulernen, niederschlug.

Das Gefühl, gefangen zu sein, mochte damit in der DDR eine konkretere Grundlage haben als im Westen. Die resultierende Grundstimmung war jedoch hier wie dort vergleichbar. So sang auch die Band Pankow 1988 von der Langeweile, die durch die immer gleichen Alltagsbedingungen ausgelöst würde. Und auch hier war damit, wie bei den Kollegen im Westen, nicht nur das Phänomen der unausgefüllten und dadurch lang erscheinenden Zeit gemeint. Vielmehr ging es auch in diesem Fall um einen umfassenden Ennui, im Sinne eines allgemeinen Ungenügens an den bestehenden Verhältnissen

Angesichts der allgegenwärtigen (und gerade auch auf den Konzerten präsenten) Stasi-Spitzel war diese generalisierte Unzufriedenheit freilich stets nur andeutungsweise zu artikulieren. 1988, kurz vor dem Ende der DDR, traute sich die Band immerhin, die beklagte „Langeweile“ darauf zurückzuführen, dass man „zu lange die alten Männer verehrt“ habe – was das Publikum natürlich mühelos als Anspielung auf die Politbüro-Riege um Erich Honecker dechiffrieren konnte.

Links zu den Liedern:

Ideal

Sex in der Wüste; aus: Der Ernst des Lebens (1981)

    Liedtext

Dies.: Monotonie [in der Südsee]; aus: Der Ernst des Lebens (1981)


Pankow

Das Lied von der See’nsucht; aus: Kille Kille (1983)

    Lied

    Liedtext

Dies.: Langeweile; aus: Aufruhr in den Augen (1988)

    Lied

Live (1989, mit Text)

      Liedtext

Bild: Yuilia: Strand aus Hirse, Nudeln und Rucola (pixabay)

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