Deutschsprachige Liedermacher 1965-1985 – 8. und letzter Teil: Ausblick

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Vergleicht man die Situation in den 1970er und 1980er Jahren mit den heutigen Verhältnissen, so kann man wohl feststellen: An der grundlegenden Konstellation, die damals die rebellischen und später eskapistischen Tendenzen befeuert hat, hat sich nichts geändert. Das kapitalistische Gesellschaftsmodell ist aus dem Zusammenbruch des Ostblocks gestärkt hervorgegangen, zudem hat die Globalisierung die Marktmacht der großen Konzerne gefestigt: Weltweit operierende Unternehmen lassen sich weit schwerer auf soziale Standards festlegen als nationale Betriebe, da sich stets irgendein Land findet, das ihnen die Ansiedlung zu ihnen genehmen Bedingungen ermöglicht.

So ist das Erwerbsleben heute auch von denselben entfremdenden Strukturen geprägt, die eskapistische Tendenzen befördern. Allerdings manifestieren diese sich heutzutage teilweise in anderen Formen als damals. Computerspielsucht und das Phänomen der „Smombies“, der Smartphone-Zombies, die ganz in der virtuellen Welt ihrer Geräte aufgehen, waren seinerzeit noch unbekannt.

Auch das Verhältnis zum Reisen hat sich geändert. Vor 40 Jahren gab es noch weit mehr Destinationen, die noch nicht touristisch erschlossen waren. Auch waren Fernreisen damals für weniger Menschen erschwinglich als heute. Hinzu kommt, dass die Vorstellung von exotischen Ländern seinerzeit verschwommener war. Es gab zwar durchaus Bildbände und Filme über abgelegene Regionen der Erde. Damit kam man diesen jedoch nie so nahe wie heute, wo im Internet Hunderte von Videos zu den entlegensten Gebieten verfügbar sind. So hat man heute vor jeder Reise das Gefühl, schon alles gesehen zu haben, bevor man sich überhaupt auf den Weg gemacht hat.

Dies alles mindert den eskapistischen „Kick“ des Reisens. Der Eindruck, dass schon alles entdeckt ist und dass man, zumindest virtuell, schon überall gewesen ist, versperrt dem Fluchtbereiten gewissermaßen den Fluchtweg. Statt einem Aufbruch ins Unbekannte gleichen selbst Fernreisen heute eher einem Ritual, mit dem man sich der Zugehörigkeit zur Upper Class der Weltbürger versichert – während man durch die Förderung des Kerosinausstoßes der Flugzeuge zugleich die Zukunft des Planeten gefährdet.

Vor diesem Hintergrund dreht sich in dem Song Hotel Melancholie der Linzer Band Texta die Metaphorik des Reisens um. Die Reise ist hier nicht mehr das Andere, das leuchtende Gegenstück zum tristen Alltag. Stattdessen erscheint sie als Spiegelbild desselben. Die schmutzigen Phantasien in einsamen Hotelzimmern, die anonyme Beziehungslosigkeit der Hotelgäste, das nicht fassbare, aber doch von allen empfundene Grauen unter der sorglosen Oberfläche der Urlaubsfreuden – all das lässt sich in ähnlicher Form auch im gewöhnlichen Alltag finden.

Der Animationsfilm zu dem Song bebildert den trostlosen Trip mit Impressionen endloser Hotelflure und alptraumhaft verwinkelter Treppenhäuser, die an die labyrinthischen Bilder von M.C. Escher erinnern. Die Reise erscheint so noch mehr als Spiegelbild der Ausweglosigkeit, anstatt dass durch sie Möglichkeiten zu einem Aufbruch aus der bestehenden Ordnung erkennbar würden.

Dies entspricht der Erfahrung einer zusammenwachsenden Welt, in der es sich nicht mehr lohnt, in entlegene Regionen der Erde zu reisen, weil es nichts mehr zu entdecken gibt: Überall stößt man auf dieselben Spuren der eigenen unsozialen, naturzerstörerischen Lebensweise. So verliert allmählich selbst die eskapistische Illusion vom anderen Leben am anderen Ende der Welt die Projektionsflächen, auf denen sie sich entfalten könnte.

Texta: Hotel Melancholie; aus: Nichts dagegen, aber (2016)

  Komplettes Album auf bandcamp (Hotel Melancholie: Nr. 7)

 

Bild: ddzphoto: Korridor (pixabay)

  1 comment for “Deutschsprachige Liedermacher 1965-1985 – 8. und letzter Teil: Ausblick

  1. Jakob
    Januar 2, 2019 um 4:05 pm

    Danke für den interessanten Beitrag. Sehr spannende Gedanken über unsere noch/nicht mehr möglichen Fluchten. Ich kannte die Band Texta nicht und finde das Video ganz toll. – Nur noch so ein Gedanke: Heute gibt es nur noch eine Möglichkeit auszubrechen: Raus in die Natur (wo es sie noch gibt). Das vollkommene Glück liegt auf einem Berg mit Blick ins Weite.

    Gefällt 1 Person

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