Scharnierblick 2021/22: 3. Geistesadel

Neue und alte Adelstitel

Als im 19. Jahrhundert die Vorherrschaft des Geburtsadels allmählich gebrochen wurde, entstand zugleich ein neuer Adel: der Geistesadel. Letztlich war dieser sogar eine wesentliche Voraussetzung für die Überwindung von Ersterem, indem er ein neues, auf eigener geistiger Leistung beruhendes Verständnis von Adel hervorbrachte.

Als wichtigste Ausprägung des Geistesadels ist der Bildungsadel, nicht anders als der Geburtsadel, mit einem komplexen System von Titeln verbunden. Wie sehr diese an die Stelle des alten Geburtsadels treten können, lässt sich besonders gut in Österreich beobachten. Die Abschaffung der alten Adelstitel ging in der von eben diesen Titeln geprägten Donaumonarchie nicht nur mit einer Übernahme der neuen Bildungstitel in die Anrede einher. Vielmehr wurde auch der Duktus der neuen Anredeformen an den alten Ehrerbietungsgestus angepasst.

In Deutschland ist dies heute im alltäglichen Umgang miteinander nicht mehr üblich. Wie bedeutsam die neuen Titel sind, zeigt sich jedoch an ihrer Aufnahme in offizielle Dokumente und Visitenkarten. So liegt für manche, die nicht über Zeit und Fähigkeiten verfügen, sich mit der Kraft des Geistes in den Bildungsadel hinaufzuschreiben, die Versuchung nahe, sich die Titel mit Tricksereien zu erschleichen oder schlicht zu kaufen.

Problematische Jagd auf Plagiate

Dies hat wiederum bei anderen dazu geführt, hinter jedem wissenschaftlichen Titel einen dunklen Schatten zu vermuten. Bestärkt wird diese Tendenz durch die Abgrenzung gegenüber dem „gemeinen Volk“, die von Anfang an auch mit den neuen Titeln verbunden war. Nach oben hin, im Verhältnis zum Adel, sollten die Grenzen fallen. Nach unten hin wollte das Bildungsbürgertum die Grenzen mit den neuen Titeln jedoch gerade sichtbarer machen.

Dieser Dünkel ist es, der immer wieder zu Ressentiments gegenüber dem Geistesadel führt. Dies drückt sich auch in der durch die neuen Möglichkeiten des Internets verbreiteten Jagd auf Plagiate aus, die mittlerweile fast zu einer Art Volkssport geworden ist.

Das grundsätzlich verständliche Anliegen, auf unrechtmäßige Weise erworbene Titel zu hinterfragen, wird dabei allerdings auf höchst problematische Weise umgesetzt. So werden stets nur ausgewählte Arbeiten überprüft – was die Gefahr in sich birgt, dass die Plagiatsjagd instrumentalisiert wird, um sich etwa politischer Konkurrenz zu entledigen.

Außerdem ergibt sich ein schiefes Bild, wenn stets nur ausgewählte Arbeiten überprüft werden. Und schließlich wird bei der Plagiatsjagd stets so getan, als hätte es niemals Gutachten und jahrelange Beratungen mit Doktorvätern und -müttern gegeben – die dadurch von jeder Mitverantwortung freigesprochen werden.

Preise und Ehrungen: Wer hat, dem wird gegeben

Neben den Titeln sind öffentliche Ehrungen das wichtigste Mittel, den Geistesadel herauszustellen. Diese können in immateriellen Belobigungen bestehen, wie etwa im Falle der diversen Verdienstkreuze. Häufiger ist allerdings die Verbindung der Ehrungen mit materiellen Preisen. Dabei gilt in einer kapitalistischen Gesellschaft natürlich: Je höher ein Preis dotiert ist, desto mehr Renommee bringt er ein.

Auf der Seite derer, die die Preise vergeben, führt dies zu einem Dilemma: Gerade wenn sie einen Preis mit hoher Dotierung ausloben, müssen sie sicherstellen, dass die Belobigten sich der Ehrung auch würdig erweisen. Schließlich würde ein Fehlgriff auf sie zurückfallen – wie andererseits das leuchtende Ansehen der Geehrten auch ihnen zu Glanz verhilft.

Die Folge ist, dass die Preise nach dem Prinzip vergeben werden: Wer hat, dem wird gegeben. Wer einmal einen Preis erhalten hat, kann mit einiger Sicherheit davon ausgehen, bald auch weitere Preise zu bekommen. Denn die Orientierung an einem Pool von Auszeichnungswürdigen vermindert für die Jury das Risiko eines Fehlgriffs.

Dadurch aber werden Gelder, die für eine reichhaltige Kulturförderung verwendet werden könnten, zur Bereicherung einiger weniger zweckentfremdet. Der Begriff des Geistesadels beinhaltet damit hier auch die exklusiven Konnotationen, die für den alten Geburtsadel kennzeichnend waren.

Beiträge zum Themenkomplex „Geistesadel“ 2021:

Ein Leben lang zum Abschuss freigegeben. Franziska Giffey als jüngstes Opfer einer problematischen Jagd auf Plagiate. 10. Mai 2021.

Der Nobelpreis – keine sehr noble Angelegenheit. Kritik eines anachronistischen Rituals. 10. Oktober 2021.

Autorschaft im Wandel der Zeit. Von der mittelalterlichen Klosterstube zum YouTube-Kanal. 21. November 2021.

Bild: Kris (White77): Absolvent (modifiziert und zugeschnitten)

3 Kommentare

  1. Die Betrügerin Giffey ist auch ohne Geistesadelspatent Regierende Bürgermeisterin geworden. Wir leben in einer Demokratie, in der weder Geburts- noch Geistesadel nötig sind, um zu reüssieren. Skrupellosigkeit und Ellenbogen reichen aus,

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    1. Ja, aber bei Giffey sind wir uns nicht ganz einig. Sie hat aus meiner Sicht durchaus versucht, eine gute Politik zu machen. Und du wirst mir zustimmen, dass die Plagiatsjagd höchst selektiv ist und die Rolle der Hochschulen in dem Theater ungeklärt …. Mit den Ellbogen hast du Recht, aber da gibt es Leute in den Machtzentralen, die sonst weiter nichts zu bieten haben …

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      1. Wir sind uns darüber einig, dass wir uns bei Giffey nicht einig sind. Ich billige die Plagiatsjäger voll und ganz und ihre Motive interessieren mich nicht. Sollen sie doch sämtlche Dissertationen prüfen! Sollen Sie doch die Dissertationen von Dir, von mir und von Gerda Kazakou durchforsten! Sie werden nichts finden. Denn für uns hätte es überhaupt keinen Sinn gehabt, unsere Zeit auf ein Plagiat zu verwenden und dabei zu verschwenden. Wollten eine Schawan, ein von Guttenberg, eine Giffey denn jemals wissenschaftlich arbeiten, forschen, denken, verstehen? Diese Leute wollten doch genau das, was Du anprangerst: sie wollten der Galerie einen Geistesadel vorgaukeln.

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