Das Land der Liebe -Stärker als der Tod? / The Land of Love – Stronger than Death?

Eine Reise ans andere Ende der Welt mit der Chansonsängerin Emily Loizeau / A Journey to the Other Side of the World with Singer-Songwriter Emily Loizeau

A Summer Full of Love, 10

Nur eine Sache fürchten wir mehr als den eigenen Tod: den Tod eines geliebten Menschen. Schon immer haben Menschen daher von einer Liebe geträumt, die stärker ist als der Tod. – Über ein Chanson von Emily Loizeau.

English Version

Das andere Ende der Welt

In jenem Reich – so sagt man – ist es immer schön,
es sei das lohnendste der Ziele,
der Ort, wo alle Vögel Zuflucht finden,
das andere Ende der Welt.

Durch den Nebel tast‘ ich mich voran,
einsam, aber fest entschlossen,
aufzubrechen in das ferne Reich
// am anderen Ende der Welt. //

Flüsternd ruft mich eine Stimme
an den Ufern eines Flusses.
Deine Stimme ist es, die mich sucht
am anderen Ende der Welt.

Sie haucht, im Rauschen sich verlierend:
„Weine nicht, ich bin nicht tot,
mein Schatz, ich bin nur umgezogen
// ans andere Ende der Welt.“ //

Der Dunst bricht auf zu gold’nem Regen,
ich sehe auf das and’re Ufer,
auf dich, du sinkst in meine Arme
am anderen Ende der Welt.

In meinen Träumen sind wir eins,
doch nur in jener and’ren Welt.
Wo ist es nur, wie kann ich es erreichen,
/// das andere Ende der Welt? ///

Emily Loizeau: L’autre bout du monde

aus: L’autre bout du monde (2006)

Das Leben – eine „ungeheuerliche Kränkung“

Als „ungeheuerliche Kränkung“ hat die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann das menschliche Leben einmal charakterisiert.

Dabei wird man natürlich zuerst ganz allgemein an die Endlichkeit unseres Lebens denken. Daran also, dass all unser Tun – so engagiert wir auch sein mögen, so sehr wir uns auch um Vollkommenheit bemühen mögen – am Ende vom Tod zunichte gemacht werden wird.

Und was für das Einzelleben zutrifft, gilt ebenso für Städte und ganze Zivilisationen, ja sogar für unseren Planeten. All die Bauklötze, die wir mühsam aufeinanderhäufen, werden am Ende doch in sich zusammenstürzen. Die ganze lange Evolution des Lebens auf der Erde wird zuletzt wieder in einen Materiehaufen auseinanderfallen, der anderswo zu etwas ganz anderem zusammengesetzt werden wird.

Der Tod eines geliebten Menschen: schlimmer als der eigene Tod

All das ist für den hochfliegenden menschlichen Geist, der sich so gerne die Krone der Schöpfung aufsetzt, fraglos eine „ungeheuerliche Kränkung“. Es gibt jedoch eine Sache, die den Schmerz über die Kränkung der eigenen Endlichkeit noch übertrifft – und das ist der Tod eines geliebten Menschen.

Einen geliebten Menschen zu verlieren, fügt uns zum einen ganz unmittelbar eine tiefe Verletzung zu, weil wir damit buchstäblich den größten Schatz verlieren, den wir im Leben gewinnen können. Nichts macht die existenzielle Verlorenheit und Verlassenheit spürbarer, als wenn wir plötzlich ohne diesen Schatz dastehen.

Zum anderen hat ein geliebter Mensch für uns aber stets auch eine über ihn selbst hinausweisende Bedeutung. Wer seine Eltern verliert, fühlt sich auch von seiner Vergangenheit abgeschnitten. Wer seine Kinder verliert, hat das Gefühl, seine Zukunft einzubüßen. Und wenn der Tod eine Liebesbeziehung zerschneidet, zerstört das die Utopie einer Überwindung unserer existenziellen Verlassenheit in einer übergeordneten geistigen Vereinigung.

Der Traum von einer Liebe, die stärker ist als der Tod

Isis und Osiris

Gerade in der Liebe hat sich der menschliche Geist schon immer gegen die Endgültigkeit des Todes gestemmt. Davon zeugt schon die Mythologie – man denke nur an die ägyptische Göttin Isis. Als ihr Gatte Osiris von seinem Bruder ermordet und seine Glieder über die Lande verstreut worden sind, sammelt sie diese wieder ein und setzt sie neu zusammen. So kann sie wenigstens noch einmal mit dem Geliebten zusammen sein und ein Kind mit ihm zeugen.

Romeo und Julia, Tristan und Isolde

In anderen Fällen umarmen die Liebenden paradoxerweise gerade das, was sie am meisten bedroht. Lieber gehen sie gemeinsam in den Tod, als im Leben getrennt zu werden. Romeo und Julia werden zwar ebenso wie Tristan und Isolde nur durch unglückliche Umstände in den Tod getrieben. Dieser scheint jedoch ihr Schicksal zu sein, die einzige Möglichkeit, ihre Liebe gegen die widrigen Umstände ihrer jeweiligen Wirklichkeit zu behaupten.

Philemon und Baucis

So ist der scheinbare Untergang auch oft mit der Vorstellung einer Verwandlung verbunden, durch die der Liebe am Ende doch Dauer beschieden sein kann. Wie Philemon und Baucis in Ovids Metamorphosen sich nach dem Tod in eine Linde und eine Eiche verwandeln, deren Äste sich weiter ineinander verzweigen, träumen auch andere Liebende von einer Einheit über den Tod hinaus. Die reale Liebe berührt sich damit hier mit der Vorstellung einer unio mystica, einer Einheit der Seele mit Gott, wie sie in der Bibel im Hohelied König Salomos beschworen wird.

Das Land der Liebe als Gegenentwurf zum Reich des Todes

Letztlich gründen all diese Gedankenspiele in der Vorstellung, dass es jenseits des Unterweltsflusses Styx nicht nur ein Totenreich gibt, sondern auch ein Land der Liebe, in dem die Gesetze der realen Welt außer Kraft gesetzt sind. Diese Gegenwelt wäre eine Welt vollkommener Harmonie, eine Welt, in der die seit der Vertreibung aus dem Paradies schwelende Wunde der Entzweiung geheilt ist. Und es wäre natürlich auch eine Welt, die keine Vergänglichkeit kennt und einem deshalb auch nicht die ungeheuerlichste aller Kränkungen zufügen kann: den Verlust eines geliebten Menschen.

Über Émily Loizeau

Die Singer-Songwriterin wurde 1975 in Neuilly-sur-Seine bei Paris als Tochter eines französischen Vaters und einer britischen Mutter geboren. Ihre bilingualen Wurzeln spiegeln sich auch in ihrer Musik wider, auch wenn sie für ihre Chansons die französische Sprache bevorzugt.

Seit 2005 sind elf Alben der Musikerin erschienen, darunter auch drei Konzeptalben, die sie seit 2014 am Kulturzentrum Centquatre-Paris entwickelt hat. Eines davon ist eine Hommage an den US-amerikanischen Singer-Songwriter Lou Reed (Run Run Run; 2020). Außerdem hat sie in zahlreichen Gemeinschaftsprojekten mit anderen Künstlern mitgewirkt.

English Version

The Land of Love – Stronger than Death?

A Journey to the Other Side of the World with Singer-Songwriter Emily Loizeau

There is only one thing we fear more than our own death: the death of somebody we love. That is why humans have always dreamed of a love that is stronger than death. – About a chanson by Emily Loizeau.

The Other Side of the World

In that realm – they say – it’s always nice,
it is the most rewarding of all destinations,
the place where every bird finds refuge,
the other end of the world.

Through the mist I feel my way,
lonely, but determined
to set out for the distant realm
// at the other end of the world. //

Whispering, a voice invites me
on the banks of a river.
It is your voice, searching for me
at the other end of the world.

It murmurs, lost in the roar:
„Don’t cry, I am not dead,
my darling, I have only moved
// to the other end of the world.“ //

The haze melts into golden rain,
my gaze falls on the other shore,
on you, you sink into my arms
at the other end of the world.

In my dreams we are united,
but only in that other world.
Where is it, and how can I reach it,
/// the other end of the world? ///

Emily Loizeau: L’autre bout du monde

from: L’autre bout du monde (2006)

Life – a „Tremendous Slight“

The Austrian writer Ingeborg Bachmann once characterised human life as a „ungeheuerliche Kränkung“ („tremendous slight/mortification“).

Of course, the first thing that comes to mind here is the finite nature of human life. In other words, the fact that everything we do – no matter how committed we may be, no matter how hard we may strive for perfection – will be undone by death in the end.

What is true for individual life is equally true for cities and entire civilisations, even for our planet. All the dominoes that we painstakingly pile on top of each other will ultimately collapse. The whole evolution of life on earth will ultimately fall apart again into a heap of matter that will be reassembled into something completely different elsewhere.

Worse than Your own Death: the Death of Someone You Love

All this is unquestionably a „tremendous slight“ for the high-flying human spirit, which loves so much to put on the crown of creation. However, there is one thing that surpasses the pain of the insult caused by one’s own finitude – and that is the death of a loved one.

Losing a person we love, on the one hand, inflicts an immediate and deep hurt on us, because we literally lose the greatest treasure we can acquire in life. Nothing makes the existential loss and abandonment more palpable than when we suddenly find ourselves without this treasure.

On the other hand, a loved one always has a meaning for us that goes beyond this person. Those who lose their parents also feel cut off from their past. Those who lose their children feel that they are forfeiting their future. And when death cuts up a love relationship, it destroys the utopia of overcoming our existential abandonment in a superior spiritual union.

The Dream of a Love that is Stronger than Death

Isis and Osiris

The human spirit has always rebelled against the finality of death, especially in love. Mythology already bears witness to this – as the Egyptian goddess Isis shows, for example. When her husband Osiris was murdered by his brother and his limbs were scattered across the land, she gathered them up again and reassembled them. This way she could at least be with her beloved once more and beget a child with him.

Romeo and Juliet, Tristan and Isolde

In other cases, the lovers paradoxically embrace the very thing that threatens them most. They prefer to die together rather than be separated in life. Romeo and Juliet, like Tristan and Isolde, are indeed driven to their deaths only by unfortunate circumstances. However, this seems to be their fate, the only way to assert their love against the adverse circumstances of their respective realities.

Philemon and Baucis

Thus, the apparent demise is often connected with the idea of a transformation through which love can reach permanence in the end. Just as Philemon and Baucis in Ovid’s Metamorphoses transform into a lime tree and an oak tree after death, with their twigs continuing to branch into each other, other lovers also dream of a unity that goes beyond death. Real love thus coincides here with the idea of a unio mystica, a unity of the soul with God, as it is invoked in the Bible in King Solomon’s Song of Songs.

The Land of Love as a Counter Design to the Realm of Death

Ultimately, all these musings are based on the idea that beyond the underworld river Styx there is not only a realm of the dead, but also a land of love in which the laws of the real world are suspended. This counterworld would be a world of perfect harmony, a world in which the wound of divisiveness that has been smouldering since the expulsion from paradise would be healed. And of course it would also be a world that knows no transience and therefore cannot inflict on us the most tremendous of all slights: the loss of a person we love.

About Émily Loizeau

The singer-songwriter was born in Neuilly-sur-Seine near Paris in 1975 to a French father and a British mother. Her bilingual roots are also reflected in her music, even though she prefers the French language for her chansons.

Since 2005, eleven albums have been released by the musician, including three concept albums that she has developed since 2014 at the Centquatre-Paris cultural centre. One of them is a tribute to the US singer-songwriter Lou Reed (Run Run Run; 2020). She has also participated in numerous collaborative projects with other artists.

Bilder /Images: Joachim Patinir/Patenier (ca. 1480 – 1524): Charon auf dem Styx / Charon on the Styx; Madrid, Museo Nacional del Prado (Wikimedia commons)
Charon ist in der griechischen Mythologie der Fährmann, der die Toten über den das Reich des Unterweltsgottes Hades begrenzenden Fluss (Acheron, Styx oder Lethe) bringt.
In Greek mythology, Charon is the ferryman who takes the dead across the river (Acheron, Styx or Lethe) that borders the realm of Hades, the God of the underworld;
Georges Seguin: Emily Loizeau bei der Vorstellung ihres Albums L’autre bout du monde in Paris (2006) / Emily Loizeau at the presentation of her album L’autre bout du monde in Paris (2006); Wikimedia Commons; Feliks Michał Wygrzywalski (1875 – 1944): Charons Boot (1917); (Wikimedia commons)

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