Soziales Lernen als Voraussetzung demokratischen Lernens

John Deweys Konzept einer demokratischen Schule

Auszug aus Ilka Hoffmanns Buch Die Schule in der Demokratie als Schule der Demokratie

Eine funktionierende Demokratie zeichnet sich für den amerikanischen Philosophen und Pädagogen John Dewey (1859 – 1952) durch ihre lebendige Verankerung im Alltag der Menschen aus. Dies hatte auch weitreichende Auswirkungen auf seine Sicht des schulischen Lernens.

Demokratie als ein bestimmter „Way of Life“

Zusammenhang von Handeln und Denken bei Dewey

Demokratie-Lernen durch Erleben von Demokratie in der Schule

Geistige Bereicherung durch Überwindung sozialer Barrieren

Nachweise

Demokratie als ein bestimmter „Way of Life“

Wann immer sich in Deutschland mal wieder Politikverdrossenheit ausbreitet oder die populistischen Rattenfänger umgehen, wird der Ruf nach einem verstärkten Politikunterricht laut. Der Gedanke dahinter: Wer mit der Idee der Demokratie, den demokratischen Institutionen und den Mechanismen demokratischer Entscheidungsfindung vertraut ist, wird sich auch aktiver an der Demokratie beteiligen und sich um ihren Erhalt bemühen.
John Dewey hätte darüber nur den Kopf geschüttelt. Der amerikanische Philosoph und Pädagoge hielt nichts von der Betrachtung der Demokratie als einer „Art politischen Mechanismus (…), der so lange funktioniert, wie die Bürger ihren politischen Pflichten einigermaßen gewissenhaft nachkommen“ (1).
Demokratie sah er vielmehr als einen bestimmten „way of life“ an (2), der nicht allein über funktionierende Institutionen zu erreichen sei. Seine Verwirklichung hing für ihn stattdessen ganz wesentlich von der Lebendigkeit „bestimmter Haltungen“ ab, „die den persönlichen Charakter formen und den Wunsch und das Ziel in allen Beziehungen des Lebens bestimmen“ (3):

„Eine Demokratie ist mehr als eine Regierungsform; sie ist in erster Linie eine Form des Zusammenlebens, der gemeinsamen, kommunikativ geteilten Erfahrung.“ (4)

Zusammenhang von Handeln und Denken bei Dewey

Für die Schule ergibt sich hieraus eine ganz andere Form des politischen Lernens. Anstatt den Fokus auf die Kenntnis der formalen Voraussetzungen für das Funktionieren einer Demokratie zu legen, muss die für diese charakteristische spezielle „Form des Zusammenlebens“ auch in der Schule erfahrbar sein.
Mit anderen Worten: Die Demokratie muss in der Schule nicht theoretisch kennengelernt, sondern durch eine entsprechende Organisation des Schullebens erfahrbar werden.
Diese Herangehensweise entspricht auch allgemein Deweys Konzeption des Lernens. Danach entwickelt sich das Handeln nicht aus den „Ideen“, also aus theoretischem Wissen, sondern die Ideen formen sich umgekehrt durch das Handeln. Abstrakte Konzepte, die ohne Bezug zum Handeln vermittelt werden, bleiben daher für die Lernenden bedeutungslos.
Dies hat Dewey bereits 1897 in seinem „pädagogischen Credo“ betont. Darin wandte er sich ausdrücklich gegen Unterrichtspraktiken, die „das Kind mit willkürlichen Symbolen konfrontieren“. Symbole seien zwar

eine Notwendigkeit in der geistigen Entwicklung, aber sie haben ihren Platz als Werkzeuge zur Einsparung von Anstrengung; für sich genommen sind sie eine Masse von bedeutungslosen und willkürlichen Ideen, die von außen aufgezwungen werden.“ (5)

Demokratie-Lernen durch Erleben von Demokratie in der Schule

Demokratieerziehung ohne einen entsprechend demokratisch strukturierten Unterricht ist vor diesem Hintergrund ein paradoxes Unterfangen. Die Vermittlung demokratischer Grundprinzipien im Rahmen eines autoritären Unterrichts, der in die hochnotpeinliche Abfrage der Funktionsprinzipien einer Demokratie in einem Test mündet, ist ein Widerspruch in sich. Er führt dazu, dass das Wissen für die Lernenden etwas Äußerliches bleibt, das für sie eine ähnliche Bedeutung hat wie der Lebenszyklus des Fadenwurms.
Die lebendige Erfahrung von Demokratie, wie Dewey sie empfiehlt, setzt zweierlei voraus: Zum einen müssen die Lernprozesse demokratisch organisiert sein, das heißt die Lernenden müssen über sie mitbestimmen dürfen. Auch die Regeln für das Zusammenleben, -arbeiten und -lernen in der Klasse müssen gemeinsam festgelegt, überprüft und angewendet werden.
Zum anderen impliziert demokratisches Lernen – im doppelten Sinne von demokratisch organisierten Lernprozessen und dem Erlernen von Demokratie – für Dewey aber auch das gemeinsame Lernen aller sozialen Schichten. Dies dient für ihn zunächst der Überwindung sozialer Schranken und der Gewährleistung von Chancengleichheit. Wenn „jeder sein eigenes Handeln auf das der anderen beziehen und das Handeln der anderen als Orientierungshilfe für sein eigenes Handeln betrachten“ könne, so führe dies zwangsläufig zu einer Überwindung der „Klassenschranken“ (6).

Geistige Bereicherung durch Überwindung sozialer Barrieren

Gleichzeitig ist das soziale Barrieren durchbrechende gemeinsame Lernen für Dewey aber auch eine wesentliche Voraussetzung für die optimale geistige Entwicklung aller Lernenden. Grundsätzlich hänge „ein waches und sich entwickelndes Geistesleben von einer größeren Bandbreite an Kontakten mit der physischen Umwelt ab“. Je zahlreicher und vielfältiger die Berührungspunkte mit anderen seien, desto vielfältiger seien auch die Reize, denen der Einzelne ausgesetzt sei:

Sie erhöhen folglich die Variabilität seines Handelns. Sie sorgen für eine Befreiung von Kräften, die unterdrückt bleiben, solange die Anreize zum Handeln nur partiell sind, wie es in einer Gruppe der Fall sein muss, die durch ihre Exklusivität viele Interessen ausschließt.“ (7)

Bleiben die Lernenden auf ihre jeweiligen Herkunftsmilieus beschränkt, verhindern also „starre Klassengrenzen ein angemessenes Zusammenspiel von Erfahrungen“, so hat dies nach Dewey eine Art geistiger Inzucht zur Folge. Der „Mangel an freiem und gleichberechtigtem Austausch“ führe dann dazu, dass „die intellektuelle Anregung unausgewogen“ sei.
Dies wirke sich sowohl für die benachteiligten als auch für die privilegierten Schichten negativ auf ihr soziales Handeln aus. Bei Ersteren bestehe dann die Tendenz zur unreflektierten „Routine“, bei Letzteren zur „Willkür“. In beiden Fällen sei das Handeln nicht selbstbestimmt, sondern von der sozialen Struktur determiniert.
Deshalb treffe, so Dewey, auch auf die einen wie die anderen gleichermaßen Platons Definition des Sklaven zu – als einer Person, welche

die sein Verhalten bestimmenden Ziele von einem anderen annimmt. Dieser Zustand ist auch dort gegeben, wo es keine Sklaverei im rechtlichen Sinne gibt. Er ist überall dort anzutreffen, wo die Menschen einer Tätigkeit nachgehen, die zwar gesellschaftlich nützlich ist, deren Zweck sie aber nicht verstehen und an der sie kein persönliches Interesse haben.“ (8)

So kann eine sozial heterogene Zusammensetzung der Lerngruppen auch die Fähigkeit zum eigenverantwortlichen Handeln stärken. Sie kann dazu beitragen, dass die Betreffenden ihr gesellschaftliches Handeln später intensiver reflektieren und ggf. auch Anpassungen vornehmen, wenn die gesellschaftlich vorgegebenen Handlungsmuster den Anforderungen an den demokratischen „way of life“ widersprechen. Ein demokratisches Schulleben ist somit ein wichtiger Baustein für die Weiterentwicklung der Demokratie.

aus: Ilka Hoffmann: Die Schule in der Demokratie als Schule der Demokratie. Bildungsreformen als Fundament eines demokratischen Way of Life:

Beitrag zur Einführung in das Buch

Thema in der nächsten Woche:
Das finnische Schulsystem

Nachweise

  1. Dewey, John: Creative democracy – the  task  before  us. Rede anlässlich eines Festakts zu seinem 80. Geburtstag im Jahr 1939;  in: Ders.: Later Works, Bd.  14, S. 224 – 230, hier S. 225 f.; aus dem Englischen übersetzt.
  2. Vgl. Putnam, Ruth Anna: Democracy as a Way of Life. In: Dies. / Putnam, Hilary: Pragmatism as a Way of Life. The lasting legacy of William James and John Dewey, Kap. 27. Cambridge 2017: Harvard University Press.
  3. Dewey, Creative democracy (s. 1).
  4. Dewey, John: Democracy and Education. An introduction to the philosophy of education, Kapitel 7: The democratic conception in education. New York 1916: Macmillan.
  5. Dewey, John: My Pedagogic Creed, Artikel 4: The Nature of Method/1; aus dem Englischen übersetzt; Erstveröffentlichung in: School Journal 54 (1897), H. 3, S. 77 – 80.
  6. Dewey, Democracy and Education (1916), Kap. 7 (s. 4).
  7. Ebd.
  8. Ebd.

Bild: Shark Studio: Kinder beim Strategiegespräch, Namibia (Wikimedia Commons)

Ein Kommentar

  1. Sehr guter Beitrag zur Demokratieerziehung. John Dewey gilt es wirklich wiederzuentdecken. Ich habe mir das Buch gekauft und bin sehr angetan. Es ist ein wissenschaftliches Buch, das „mitreißend“ und fast unterhaltsam geschrieben ist und mal nicht die üblichen „Gemeinplätze“ enthält. Man spürt, dass hier jahrelanges Nachdenken und Diskutieren die Grundlage war. Besonders gut haben mir auch die Gemälde und Fotos gefallen. Sie zeigen, dass die Beschäftigung mit dem Thema nicht abstrakt, sondern auch nah bei den Kindern ist. Ich meine: Empfehlenswert! – Macht Spaß beim Lesen, präsentiert Hintergründe und regt zum Nachdenken an.

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