Leistungssport: Festgemauert in der kulturpolitischen Steinzeit

Jahresrückblick 2022: Sport

Unbeeindruckt von den gesellschaftlichen Debatten um Gendergerechtigkeit und Inklusion, hält der Leistungssport an einem vorsintflutlichen Schubladendenken fest und konzentriert sich ganz auf seine Funktion, die Leistungsgesellschaft legitimierend widerzuspiegeln.

Katar, Olympia, Hertha

Der Sport war 2022 gleich mehrfach Thema auf diesem Blog. Zuletzt war die Schmuddel-WM in Katar in den Fokus gerückt, im Sommer war kurz die alte Leidenschaft des Herrn Baron zur Dame Hertha aufgeflammt.

Anfang des Jahres war durch die Olympischen Spiele in Peking auch der Leistungssport unter verschiedenen Aspekten thematisiert worden. Dabei ging es zum einen um die Zusammenhänge zwischen Leistungsgesellschaft und Leistungssport und zum anderen um die Missachtung von Inklusion und Gender-Debatte durch den Leistungssport.

Leistungsgesellschaft und Leistungssport

Was ersteren Aspekt anbelangt, so sticht insbesondere die legitimatorische Funktion des Leistungssports für den Leistungsgedanken ins Auge. Diese lässt sich in fünf zentralen Thesen zusammenfassen:

  1. Der Leistungssport suggeriert die objektive Messbarkeit individueller Leistung.
  2. Er vermittelt das Versprechen einer automatischen Verknüpfung von Leistung und Erfolg bzw. gesellschaftlicher Anerkennung.
  3. Er schafft eine Illusion von sozialer Gerechtigkeit: „Die da oben“ thronen zu Recht über allen anderen, weil sie leistungsfähiger sind als die breite Masse.
  4. Er stellt Leistung in einen Gruppenkontext und fördert so den Wettbewerbsgedanken. Was zählt, ist nicht das persönlich Erreichte. Dieses erhält seinen Wert vielmehr nur aus dem Vergleich mit der Leistungsfähigkeit anderer, was Selbstoptimierungsprozesse und die Marginalisierung von nicht „optimierbaren“ Menschen  fördert.
  5. Er entkoppelt den Wert einer Leistung von der objektiven Funktion des Geleisteten und erleichtert so die Einforderung eines blinden, unkritischen Gehorsams.

Gendergerechtigkeit und Inklusion – Leerstellen im Leistungssport

„Gender“ und „Inklusion“ sind für den Leistungssport bis heute Begriffe von einem anderen Stern. Er besteht auf einer Sonderbehandlung und Sonderbetrachtung von Menschen aufgrund ihrer körperlichen Ausstattung.

Frauen lässt er nicht nur in gesonderten Wettkämpfen antreten, sondern macht dabei das Frau-Sein auch noch an bestimmten körperlichen und biochemischen Merkmalen fest. Schon gar nicht ermöglicht er ein Denken über die Geschlechtergrenzen hinaus, das nicht mehr darauf besteht, Menschen in die Schublade „männlich“ oder „weiblich“ einzusortieren.

Ein ähnliches Schubladendenken herrscht auch in Bezug auf Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Statt sie – unter Gewährung eines Nachteilsausgleichs – zusammen mit anderen antreten zu lassen, werden sie in das Ghetto gesonderter Wettbewerbe abgedrängt. So spiegelt der Sport den gesellschaftlichen Ausschluss breiter Bevölkerungsschichten wider, anstatt durch gemeinsame Wettkämpfe für alle den Inklusionsgedanken zu fördern.

Ausführliche Beiträge zum Thema:

Leistungssport und Leistungsgesellschaft. Zur legitimatorischen Funktion des Leistungssports.

Inklusion, Gender-Debatte und Leistungssport. Plädoyer für einen inklusiven Spitzensport.

Bild: Alexa: Sportliche Frösche (Pixabay)

Ein Kommentar

  1. Ein Problem ist auch, dass der Sport ein Teil der Unterhaltungsbranche ist. Das Fernsehen ist voller Wettbewerbe: Voice of Germany, GNTM, Let’s dance etc. Es geht immer ums Gewinnen, Ausscheiden, Weiterkommen. Diejenigen, die nicht im Wett“kampf“ stehen, empfinden das als spannend. Die Einschaltquoten zeigen das. Also auch das Geld entscheidet. Wie viele wollen überhaupt inklusive Sport-Events sehen, in denen das Miteinander und der Spaß an Sport und Bewegung im Mittelpunkt stehen?? Das ist ein gesellschaftlicher Paradigmenwechsel, der nicht zu unterschätzen ist.
    Die Ausführungen über „Gender“ fand ich besonders spannend (auch in den genannten Essays), denn hier liegt der Leistungssport so ziemlich quer zum propagierten *Mainstream.

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