Satire vs. rassistische Schmähung

Wie Jan Böhmermann dem türkischen Präsidenten hilft

Erdoböhm

In seinen Frankfurter Vorlesungen grenzt Heinrich Böll zwei grundsätzlich verschiedene Arten von Humor gegeneinander ab: einen „Humor der Schadenfreude, des Hämischen“, der aus einem „Geist der Abfälligkeit“ heraus entstehe, und einen Humor, für dessen Bestimmung sich Böll auf Jean Pauls (in Anlehnung an Immanuel Kant formulierte) Definition des Humors als des „umgekehrt Erhabene[n]“ bezieht.

Böll betont zunächst die befreiende Wirkung der letzteren Variante des Humors, die „das Erhabene (…) von seine[n] Stelzen“ hole. Demgegenüber mache „der Humor des Hämischen (…) nicht das Erhabene lächerlich“, sondern spreche „dem Menschen gar keine Erhabenheit“ zu – was auf eine „Vernichtung des Einzelnen, des Menschen, des Homo, des Humanen“ hinauslaufe. Aus diesem Grunde bezeichnet Böll diese Form des Humors auch als „antihuman“, während er den das Erhabene vom Sockel stoßenden Humor in einer „Ästhetik des Humanen“ verwurzelt sieht.

Bölls Überlegungen zum Wesen des Humors eignen sich meines Erachtens gut für einen differenzierenden Blick auf die gegenwärtige Diskussion um satirische Beiträge zum türkischen Präsidenten Erdoğan. Der Beitrag, mit dem alles begann – die Satire aus der NDR-Sendung extra 3 –, entspricht dabei der zweiten von Böll beschriebenen Art des Humors. Erdoğan wird hier in seiner Prunksucht entlarvt, die ihn Paläste in Naturschutzgebiete stellen lässt, und als Politiker gezeigt, der missliebige Journalisten verhaften und demonstrierende Frauen schlagen lässt.

Erdoğans Selbstbild des mächtigen Staatsführers in der Tradition der osmanischen Herrscher wird kontrastiert mit seiner sich überschlagenden, an Micky-Maus-Filme erinnernden Stimme und mit seinen dilettantischen Auftritten als Hobby-Fußballer. Seine Missachtung demokratischer Grundprinzipien wird durch sein „Geruckel“ an Wahlurnen in Szene gesetzt. Ziel ist es, das problematische Gekungel der EU mit Erdoğan in der Flüchtlingspolitik zu hinterfragen. „Gib ihm die Hand, denn er hat dich in der Hand“, heißt es dazu in dem Liedchen, illustriert mit Bildern, die Erdoğan händeschüttelnd mit Angela Merkel und Jean-Claude Juncker zeigen.

Der Beitrag erfüllt damit genau die von Böll an die humane Variante des Humors gestellte Anforderung, das „Erhabene“ bzw. das sich als erhaben Gerierende, als sakrosankt und unantastbar Inszenierende in seiner faktischen Lächerlichkeit zu entlarven und so vom Sockel zu stoßen. Das zentrale satirische Mittel, das hierfür eingesetzt wird, ist das der Reduktion: Erdoğan wird des Pomps entkleidet, mit dem er sich selbst umgibt, und als gewöhnlicher, fehlbarer Mensch dargestellt. Des Weiteren wird die feierlich-antiseptische Bühne der Diplomatie mit der Wirklichkeit der von Erdoğan unterstützten Gewalt gegen Teile des eigenen Volkes kontrastiert.

Die Kritik an Erdoğan erfüllt damit hier die Anforderungen an professionelle Fernseh-Satire: Sie ist treffsicher, indem sie en passant politische Missstände entlarvt, ist zugleich durch die gewählten Kontrastbilder und -verse aber auch unterhaltsam. Derartige Satiren sind ein fester Bestandteil der deutschen Fernsehkultur und in der Heute Show fast schon zu einem zweiten Wort zum Sonntag aufgestiegen. Das Problem ist nur, dass sie dadurch auch an Wirkung einbüßen. Durch ihre feste, ritualisierte Einbindung in den Fernsehalltag kommt ihnen eher eine Ventilfunktion zu, als dass sie die Zuschauer zu einer Behebung der dargestellten Missstände veranlassen würden: Man lacht herzlich und geht dann wieder zur Tagesordnung über.

Eben deshalb war die harsche Reaktion des türkischen Präsidenten auf die für deutsche Verhältnisse vergleichsweise harmlose Kritik auch ein solches Geschenk für unsere Fernsehsatiriker: Endlich nimmt uns mal wieder jemand ernst! Ich bin auch ein beißender Kritiker! Ich will auch verboten werden!

Die Folge: Man veröffentlicht eigene satirische Beiträge, man inszeniert sich selbst auch als türkeikritischen Freigeist. Bei dem Text von Jan Böhmermann, der derzeit die Diskussion beherrscht, fällt nun allerdings auf, dass er weniger eine Satire als vielmehr eine Schmähung darstellt. Diese bezieht sich zudem nicht konkret auf die Person Erdoğans, sondern allgemein auf das türkische Volk. Der Bezugspunkt ist nicht die personelle, sondern die nationale und kulturelle Identität des türkischen Präsidenten.

Wenn es in dem Text heißt, Erdoğan stinke „nach Döner“, so berührt dies ein Klischee, das nicht speziell den türkischen Präsidenten, sondern Türken allgemein betrifft. Die durch den Begriff „Schweinefurz“ aufgerufene Assoziation an das im Islam verbotene Schweinefleisch beleidigt ebenfalls alle Türken muslimischen Glaubens gleichermaßen. Und wo die satirische Reduktion auf menschliche Schwächen in dem extra-3-Beitrag sich konkret auf Erdoğan bezieht, versucht Böhmermann diese durch realitätsferne Reime („Minderheiten unterdrücken“ – „Ziegenficken“; „Christen haun“ – „Kinderpornos schaun“) zu erreichen.

Diese Form des Humors entspricht damit eindeutig der zweiten von Böll beschriebenen Art, dem „Humor des Hämischen“, der „nicht das Erhabene lächerlich“ macht, sondern dem Menschen allgemein seine Erhabenheit und seine Würde nimmt und deshalb als „antihuman“ charakterisiert werden kann (s.o.). Dadurch, dass die entwürdigenden Zeilen sich hier zudem auf ein bestimmtes Volk beziehen, sind sie darüber hinaus offen rassistisch. Es ist, als würde hier jemand die Gelegenheit nutzen, über die Kritik an einem autokratischen Herrscher einen Rassismus auszuleben, den er sonst nicht offen zur Schau stellen würde.

Man muss sich nur einmal vorstellen, wie die Reaktionen ausgefallen wären, wenn es in dem Text nicht um den türkischen, sondern um den israelischen Präsidenten gegangen wäre. Dann würde die Diskussion jetzt gewiss nicht um Satire und Pressefreiheit, sondern um Antisemitismus kreisen.

Auch die Behauptung, es sei in der Sendung nur darum gegangen, die Grenzen des Erlaubten aufzuzeigen, führt in die Irre. Schließlich kann ich ja auch jemanden, der sich darüber beschwert, von mir angerempelt worden zu sein, nicht einfach zusammenschlagen, um ihm den Unterschied zwischen harmlosen und strafwürdigen körperlichen Übergriffen vor Augen zu führen.

Erschwerend kommt hinzu, dass Böhmermanns spätpubertäre Selbstinszenierung eben jenem Autokraten in die Hände spielt, den er zu kritisieren vorgibt. Nicht weil er ein ausländischer Staatsmann ist, den zu beleidigen uns das Strafgesetzbuch verbietet, sondern weil sein Ansehen stellvertretend für andere Mitglieder seines Volkes in den Schmutz gezogen worden ist, verdient er es jetzt, dass die Kritik an ihm in Deutschland vor Gericht verhandelt wird. So verhelfen Böhmermanns Fäkalscherze Erdoğan zu etwas, das man ihm ansonsten unbedingt hätte verwehren müssen: zu dem subjektiven Eindruck, durch den Flüchtlingspakt Einfluss auf sein Bild in der deutschen Öffentlichkeit nehmen und dadurch auch in Deutschland die Meinungs- und Pressefreiheit einschränken zu können.

Um es mit den Worten Jan Böhmermanns zu sagen: Wer es nötig hat, sich mit rassistischen Späßen unter der Gürtellinie derart verantwortungslos in Szene zu setzen, dessen Kopf ist wohl in der Tat „so leer wie seine Eier“.

 

Zitate von Heinrich Böll entnommen aus: Böll, Heinrich: Frankfurter Vorlesungen (1966). In: Ders.: Aufsätze, Kritiken, Reden, Frankfurter Vorlesungen, S. 511 – 571 (hier S. 566 f.). Köln und Berlin 1966: Kiepenheuer & Witsch (Lizenzausgabe für den Buchclub Ex Libris Zürich).

 

 

Bild: „Erdoböhm“: Morph aus Erdogan und Böhmermann

 

 

  5 comments for “Satire vs. rassistische Schmähung

  1. April 12, 2016 um 8:53 pm

    Der mit Abstand beste Kommentar, den ich zu dem Thema gelesen habe!

  2. April 12, 2016 um 8:56 pm

    Danke, freut mich!

  3. April 15, 2016 um 7:12 pm

  4. Mai 1, 2016 um 10:19 pm

    Hat dies auf montagfrei rebloggt.

  5. justrecently
    Mai 3, 2016 um 11:15 am

    So verhelfen Böhmermanns Fäkalscherze Erdoğan zu etwas, das man ihm ansonsten unbedingt hätte verwehren müssen: zu dem subjektiven Eindruck, durch den Flüchtlingspakt Einfluss auf sein Bild in der deutschen Öffentlichkeit nehmen und dadurch auch in Deutschland die Meinungs- und Pressefreiheit einschränken zu können.

    Kann gut sein, dass Böhmermanns Auftritt ein Rohrkrepierer war – allerdings aus meiner Sicht eher im Licht der beiden Böll’schen Definitionen. Dass die PR Ankaras darin ein Gottesgeschenk sehen würde, in einem sehr viel größeren „game“ gegen Berlin zu punkten, musste Böhmermann nicht vorher wissen.

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