Windräder, nachts

Simmern bei Nacht

Nachts, auf einem Hügelkamm, hast du den Eindruck, auf einen gewaltigen Flughafen zu schauen. Von überallher blinken die Begrenzungen der Start- und Landebahnen dich an, unentwirrbar frisst sich ihr Labyrinth in die Dunkelheit. Zuweilen scheint es dir sogar, als wäre dies alles in Wahrheit nur ein einziger monumentaler Landeplatz, der den Messias herabzwingen soll; ihn, der alles vergibt und verzeiht, der seinen Jüngern ein Leben ohne Sorgen und Sünden, kopfloses Konsumieren und reueloses Reisen gewährt.

Dann ist es dir wieder, als würden all die Leuchtbojen, die blinkend das Paradies herbeifunken, in Wahrheit zu einer Spielhölle gehören. Du musst die Augen schließen, um dich nicht in ihrem fieberhaften Gefunkel zu verlieren.

Da aber spürst du: Der flackernde Blick der Spielautomaten hat sich bereits fest in dein Gehirn gebrannt. Dir ist, als würde jemand mit einem Laserschwert in deine Synapsen hineinstoßen. Hilflos zucken deine Augenlider im Takt des Blinkkonzertes.

Auch bist du nun, mit geschlossenen Augen, den Geräuschen dieses Konzertes viel stärker ausgeliefert. Eine Armee von hechelnden Riesen umringt dich, bedrängt dich, verfolgt dich, überall hörst du ihr unablässiges Stoßgebet: „Strom! Strom! Strom!“

Ein scharfkantiger Diskus fliegt direkt auf dich zu, die Luft erzittert von seinen Schwingungen. Schon spürst du seine elektrischen Atemstöße auf deinem Gesicht, sie durchdringen deine Haut, fluten deine Adern … Nicht mehr lange, und er wird deinen Hals mit einem glatten Schnitt durchtrennen.

 

 

Bild: © Jörg Rehmann. Simmern bei Nacht.

Hinweis: Film von Jörg Rehmann: End of Landschaft

  3 comments for “Windräder, nachts

  1. Melina Meyer
    November 3, 2018 um 2:03 pm

    Dieser Text hat mich sehr beeindruckt. Ich bin oft in der Nähe von Alzey mit dem Rad unterwegs … und genau so empfinde ich es dort abends/nachts. Ich verstehe nicht, wie Leute, die sich als „grün“ oder Umwelt-/Klimaschützer bezeichnen, so empfindungslos gegenüber der Natur und der Landschaft sein können. Im Hunsrück und in Rheinhessen bekommt man wirklich Beklemmungsgefühle. Ich hoffe, wenn schon Fakten buchstäblich in den Wind geschrieben werden, dass die Literatur etwas bewegt. Vielleicht kann man damit den „Seelen- Panzer“ ankratzen .. Literatur als „Axt“ für das gefrorene Meer in uns? (Kafka)

  2. November 3, 2018 um 8:05 pm

    Sehr eindrucksvoll. Lebendig geschrieben.

  3. November 5, 2018 um 9:17 am

    Moderne Guillotine?

    Toller, poetischer Text!

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