Corona-Fernsehunterricht

Wie lässt sich die Zeit der Schulschließungen sinnvoll überbrücken?

Gastbeitrag von Sophia von Griffelshausen

extended-family-4315966_1920 (2)René schindler

Angesichts der sich abzeichnenden längeren Dauer der Corona-Krise wird immer lauter über ein Ende der Kita- und Schulschließungen nachgedacht. Dies würde aber nicht nur die Gesundheit der Bediensteten gefährden, sondern den Erfolg der Infektionsschutzmaßnahmen insgesamt in Frage stellen. Es müssen deshalb andere Möglichkeiten gefunden werden, die Kontinuität des Lernens sicherzustellen.

Wenn Homeschooling auf Homeoffice trifft
Notbetreuung für alle?
Online-Unterricht: Schule für die Bessergestellten?
Fernsehunterricht als Alternative?
Grundbausteine eines Basisunterrichts im Fernsehen
Die Rolle der Lehrkräfte im Fernsehunterricht

Wenn Homeschooling auf Homeoffice trifft

Kein Zweifel: Die Nervosität (nicht nur) unter der Elternschaft nimmt zu. Viele sorgen sich um die Zukunft ihrer Kinder: Wird sich der Unterrichtsausfall auch dann kompensieren lassen, wenn die Schulen längere Zeit geschlossen bleiben sollten? Werden die Kinder das jetzt Versäumte jemals wieder aufholen können? Oder werden sie dauerhaft gegenüber jenen, die ihre Schulzeit vor der Krise beendet haben, benachteiligt sein?
Grundsätzlich muss man sagen: Eine längere Zeit ohne Unterricht ist an sich nichts Besonderes. So etwas kennen wir alle aus den großen Ferien – die in anderen Ländern noch viel größer sind als bei uns. Immer haben die Kinder danach einiges vergessen, immer finden sie aber auch schnell wieder zurück in den alten Lernrhythmus. Manchmal kann das Vergessen ja sogar produktiv sein, weil es uns dabei hilft, die Dinge neu zu ordnen und anders zu sehen.
Das Besondere an der gegenwärtigen Situation ist, dass es sich um einen unvorhergesehenen Unterrichtsausfall in einer epochalen Krise handelt und dass Homeschooling auf Homeoffice trifft. Dies macht es für die Eltern notwendig, sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeiten für ihre Kinder zu finden, die gleichzeitig deren Lernbedürfnisse befriedigen und ihnen selbst Freiräume lassen, um den eigenen Pflichten nachzukommen.
Viele Eltern sind sehr kreativ mit der Krise umgegangen. In der Tat ist das Lernen ja auch nicht notwendigerweise an die Schule gebunden. Viele Lernspiele wie Memory, Domino oder Quiz-Brettspiele lassen sich auch zu Hause durchführen. Man kann im Stadtpark oder im Wald auf Entdeckungsreise gehen, Tiere und Pflanzen fotografieren oder abmalen und mit Hilfe des Internets oder auch des guten alten Bestimmungsbuchs einen „Steckbrief“ dazu erstellen. Hinzu kommen unzählige Online-Angebote, von Lernspielen über kindgerechte Info-Filme bis hin zu Planspielen, die teilweise ausgesprochen kreativ gestaltet und geistig anregend sind.[*]
Für eine Übergangsphase war der Geistesgaben-Tisch also reich gedeckt. Hinzu kommt, dass die schulischen Lehrkräfte ihre Arbeit ja auch keineswegs eingestellt haben. Sie sind vielmehr weiterhin per Chat, E-Mail und Telefon mit ihren SchülerInnen in Kontakt und versorgen sie mit Arbeitsmaterialien. Auch sie beweisen dabei viel Kreativität und Engagement. Dies wird von den Lernenden auch durchaus honoriert.
In manchen Fällen scheint die Krise den Appetit auf geistige Nahrung sogar gesteigert zu haben. Auch die Kinder und Jugendlichen suchen nun eben nach etwas, woran sie sich festhalten können, und sind über jede Form von Normalität dankbar. Manch einer begreift vielleicht erst jetzt, was für ein Luxus und was für eine Errungenschaft die freie Bildung für alle ist.

Notbetreuung für alle?

Für eine Übergangszeit hat unsere Improvisationskraft also durchaus ausgereicht. Hier hatte die Krise sogar noch etwas Gutes, weil sie die Vielfalt der Kommunikationsmöglichkeiten zwischen Lehrenden und Lernenden aufgezeigt und so auch für die Zeit danach die Kommunikationskanäle erweitert hat.
Nun aber zeichnet sich ab, dass die Krise doch länger dauern könnte, als wir alle anfangs gedacht haben. Und bei dem Gedanken an einen längeren Unterrichtsausfall macht sich bei manchen nun doch Panik breit. Die Notfallbetreuung an Kitas und Schulen geht vor diesem Hintergrund bereits wieder schleichend in eine Normalbetreuung über. Vielerorts erlauben die Behörden den Eltern großzügig, sich selbst das Etikett „systemrelevant“ zu verpassen und ihre Sprösslinge in Kindergärten und Schulen abzuliefern.
Garniert ist dieses absichtsvolle Unterlaufen der Infektionsschutzmaßnahmen mit dem Hinweis, Lehrkräfte und ErzieherInnen sollten doch bitte Abstand von ihren Schutzbefohlenen halten. Wer derartige Empfehlungen ausspricht, hatte offenbar schon längere Zeit nichts mehr mit kleinen Kindern zu tun und hat wohl auch noch nie eine Kita oder Grundschule von innen gesehen. Ansonsten wüsste er/sie nämlich, dass Kita- und Grundschulkinder stets den Körperkontakt zu ihren Bezugspersonen suchen – in Krisenzeiten wie diesen, deren Auswirkungen auch die Kleinsten spüren, noch mehr als sonst.
Die Mindestforderung für Kitas muss deshalb lauten: „Notbetreuung“ der Kinder nur in Fällen, in denen beide Elternteile gleichzeitig an klar definierte „systemrelevante“ Tätigkeiten außer Haus gebunden sind und eine andere Betreuung nicht möglich ist. Und: Öffnung der Kitas nur dann, wenn die nötigen Maßnahmen zum Infektionsschutz gewährleistet sind. Ansonsten sollte hier eher auf die gute, alte Nachbarschaftshilfe gesetzt werden.
Bei den Schulen ist eine ähnliche Minimallösung dagegen kaum vorstellbar. Wenn „systemrelevante“ Kinder weiter unterrichtet werden, andere aber nicht, wird sich nur die soziale Kluft weiter vertiefen. Hinzu kommt, dass die Schulen auch unter hygienischen Gesichtspunkten in keiner Weise auf eine Krise dieses Ausmaßes vorbereitet sind. Die sanitären Anlagen sind vielerorts seit Jahren sträflich vernachlässigt worden. Desinfektionsmittel? Fehlanzeige! Vielfach sind ja noch nicht einmal Flüssigseife und warmes Wasser vorhanden.
Vereinzelt sind nun sogar schon Stimmen zu hören, die schlicht eine Ignorierung des auf die Schnelle kaum zu lösenden hygienischen Notstands an den Schulen nahelegen. So ist etwa die Forderung laut geworden, die Schulen vorzeitig wieder zu öffnen und sie für die viel diskutierte „Herdenimmunisierung“ zu nutzen.
Ein zynischer Vorschlag. Es mag zwar sein, dass der Großteil der Kinder und Jugendlichen, der Vorliebe dieses Virus für die ältere Generation entsprechend, diesen makabren Feldversuch unbeschadet übersteht. Nur würden sie dann wohl ohne Lehrkräfte dastehen, die bei einem solchen Szenario reihenweise dem Virus zum Opfer fallen würden.

Online-Unterricht: Schule für die Bessergestellten?

Richtig ist aber auch: Ein dauerhafter Unterrichtsausfall lässt sich nicht mehr mit ein paar zusätzlichen Lernangeboten für verregnete Tage kompensieren. Dafür braucht es einen Masterplan, der das Optimum an Lernmöglichkeiten aus den eingeschränkten Bedingungen herausholt.
Der immer noch von manchen Schulbehörden vertretene Anspruch, den normalen Unterricht quasi per Liveschaltung ins Kinderzimmer fortzusetzen, mit 45-Minuten-Takt, Klassenarbeiten und Pausengong, wirkt vor dem Hintergrund der sich verschärfenden Krise geradezu surreal. Vor allem aber würde er eine Tendenz verstärken, an der das deutsche Schulwesen jetzt schon krankt: Unterricht für die Bessergestellten zu machen.
Ein Skype-Unterricht wäre ein Unterricht für Kinder „aus gutem Hause“, die einen eigenen Computer in ihrem Zimmer haben, die genügend Eigenmotivation mitbringen, um dem Fernunterricht zu folgen, und/oder Eltern, die sie mehr oder weniger sanft an die neuartige Schulpflicht erinnern. Kinder aus bildungsfernen Schichten, deren Eltern nicht die Erfahrung gemacht haben, von einem regelmäßigen Unterricht zu profitieren, werden dagegen von einem solchen Angebot nicht erreicht. Hier kann man zudem nicht davon ausgehen, dass alle Kinder über einen eigenen Computer-Arbeitsplatz verfügen, über den sie dem Unterricht folgen können.
Natürlich ist es gut und wichtig, dass die regulären Lehrkräfte den Kindern weiterhin für telefonische Beratung zur Verfügung stehen und ihre Lernprozesse durch das Versenden von Arbeitsmaterialien nach Kräften fördern. Die Schulpflicht impliziert jedoch auch die Verpflichtung des Staates, allen Kindern gleichermaßen Lernfortschritte zu ermöglichen. Dafür müssen die Kinder in der gegenwärtigen Situation dort abgeholt werden, wo sie sind. Und das ist wohl am ehesten – der Fernseher.

Fernsehunterricht als Alternative?

Ich weiß, das klingt zunächst nach einer pädagogischen Kapitulation. Und ich gebe gerne zu: Mir wäre es auch lieber, wir würden in einer Welt leben, in der jedes Kind sein eigenes Arbeitszimmer hat, in dem es jetzt per Videokonferenz mit den Lehrkräften und den anderen Lernenden virtuell zusammenkommen könnte.
Aber so weit sind wir eben noch nicht. Erstens ist gar nicht ausgemacht, dass das deutsche Netz stabil genug wäre, um überall im Lande ein kurzfristiges Umschalten auf Online-Unterricht zu ermöglichen. Zweitens sind bei weitem nicht alle auf die dafür nötige größere Selbständigkeit in der Organisation der eigenen Lernprozesse vorbereitet. Und drittens verfügen eben nicht alle Kinder über die entsprechenden eigenen Endgeräte und einen Ruheplatz, an dem sie sich konzentriert am Online-Unterricht beteiligen könnten.
In der gegenwärtigen Situation wäre es deshalb vielleicht die naheliegendste und fairste Lösung, zumindest für die unteren Klassen ein Unterrichts-Basisprogramm im Fernsehen einzuführen. Dafür hätten an den Vormittagen die dritten Programme der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten für drei bis vier Stunden Sendeplätze zur Verfügung zu stellen.
Dies wäre, wenn wir uns ab sofort darauf vorbereiten, auch kurzfristig zu leisten. Nicht möglich (und auch nicht notwendig) wäre es allerdings, für jedes Bundesland einen eigenen Basisunterricht anzubieten. Stattdessen würde auf einem Kanal das Programm für die erste Klasse, auf einem anderen das für die zweite laufen usw.
Der Basisunterricht sollte grundsätzlich für alle verpflichtend sein. Dadurch würde sich auch in Familien, die das Schulfernsehen für gewöhnlich nicht einschalten, der Druck erhöhen, in der besonderen Situation von ihren Präferenzen abzuweichen. Wenn Kinder, die auf den Basisunterricht nicht angewiesen sind, lieber auf andere Weise lernen, wird das natürlich trotzdem niemand beanstanden. Eine gewisse Differenzierung, die auch den Blitzmerkern das nötige geistige „Zückerli“ zukommen lässt, ist ja auch im normalen Schulalltag erwünscht.

Grundbausteine eines Basisunterrichts im Fernsehen

Bislang kommt dem Schulfernsehen die Rolle einer ergänzenden Wissensvermittlung zu. Wenn es bei fortgesetzten Schulschließungen vorübergehend an die Stelle des regulären Unterrichts treten soll, muss es allerdings ganz anderen Anforderungen gerecht werden. Dafür sind eine Reihe von Grundprinzipien zu beachten. Besonders wichtig erscheinen mir die folgenden Aspekte:

  • Beschränkung auf das Wesentliche: Der Basisunterricht im Fernsehen kann den regulären Unterricht natürlich nicht ersetzen. Er sollte sich deshalb von vornherein darauf beschränken, Grundwissen und -fertigkeiten zu vermitteln, zu erhalten und zu festigen.
  • Aktivierung: Um einer passiv konsumierenden Haltung, wie sie das Fernsehen nahelegt, entgegenzuwirken, müssen die Kinder immer wieder aktiv zum Mitmachen aufgefordert werden. In der Fremdsprache kann dies etwa, analog zur Arbeit im Sprachlabor, das Mit- oder Nachsprechen von Dialogen sein, vielleicht auch das eigenständige Antworten, auf das dann freilich die Vorführung der phonetisch korrekten Aussprache folgen müsste. In Sachfächern sind quizähnliche Lernformen denkbar, bei denen mit einem im Fernsehunterricht auftretenden Kandidaten mitgeraten wird.
  • Direkte Ansprache: Fernsehunterricht ist kein Schulfernsehen. Hier muss direkt mit den Kindern geredet werden, es muss Chatfunktionen und „Mails ins Studio“ geben.
  • Rhythmisierung: Übungs- und Lernphasen müssen sich regelmäßig mit Erholungsphasen abwechseln. Diese sollten allerdings ebenfalls aktiv gestaltet werden, wie es etwa über gemeinsame Fitnessübungen, aktivierende Spiele oder das gemeinsame Singen möglich ist.
  • Lehr-Teams: Das Casting der Studio-LehrerInnen sollte sich danach richten, dass möglichst viele verschiedene Lehr-Typen auftreten. Dies erhöht zum einen die Chance, dass sich die Kinder mit einem davon identifizieren und so eine erhöhte Lernmotivation entwickeln. Zum anderen können so auch verschiedene Rollen verteilt werden. Einer ist vielleicht ganz matheverliebt, ein anderer möchte immer Tierfilme gucken, ein dritter ist ähnlich hyperaktiv wie viele der kleinen ZuschauerInnen und kann es nicht erwarten, bis die nächste Sportpause kommt.
  • Spaß am Lernen: Im Vordergrund muss immer die Lust an der geistigen Beschäftigung stehen. Die Lernangebote müssen deshalb immer auch spielerische Elemente enthalten, und sie sollten locker und kindgerecht daherkommen, nicht mit der Steifheit des alten Schulmeisters.
  • Identifizierung: Um die Identifizierung mit dem Fernsehunterricht zu erleichtern, sollten Kinder auch unmittelbar an den Sendungen beteiligt werden und darin auftreten. Auch das Clown-Prinzip des Kindes, das mehr weiß als der dumme August-Erwachsene, darf dabei ruhig mal zur Anwendung kommen. Die Grenze zum Kasperle-Klamauk sollte allerdings nicht überschritten werden.
  • Vertiefungsangebote: Drei oder vier Stunden Fernsehunterricht sind genug. Und auch das ist nur gerechtfertigt, wenn die zwischengeschalteten Sportübungen und Gesangeseinlagen den Blick auch mal vom Fernseher weglenken. Dies schließt allerdings nicht aus, dass es für die Nachmittage Angebote zur vertiefenden Beschäftigung mit Lerninhalten gibt. Dies können Suchaufgaben sein (beispielsweise nach bestimmten Tier- oder Pflanzenarten, über die im Fernsehunterricht gesprochen worden ist), aber auch Übungsaufgaben (zum Beispiel Rechenrätsel, die am nächsten Tag aufgelöst werden) oder kreative Aufgaben, wie etwa das Schreiben einer Geschichte oder das Malen eines Bildes, wofür im Fernsehunterricht anregende Impulse geliefert werden können.

Die Rolle der Lehrkräfte im Fernsehunterricht

Und die regulären Lehrkräfte? Legen die sich jetzt alle auf die faule Haut? Nein, ganz und gar nicht! Erstens werden nicht alle Kinder das Basisprogramm im Fernsehen in Anspruch nehmen. Einige Lernende werden eben lieber selbsttätig lernen und dabei per Chat auf die Beratung ihrer LehrerInnen zurückgreifen.
Zweitens ist der Fernsehunterricht ja gerade dazu gedacht, zum eigenständigen Weiterlernen zu motivieren. Dafür werden die Kinder auch die Telefonnummern und E-Mail-Adressen ihrer schulischen Bezugspersonen erhalten, die sie dann zu genau festgelegten Zeiten an den Nachmittagen anrufen bzw. -schreiben können, um sie mit ihren hoffentlich zahlreichen Fragen zu löchern. Idealerweise kann der Wissensdurst so von zwei Seiten aus angestachelt werden.
Eines sollte allerdings klar sein: In der gegenwärtigen Ausnahmesituation geht es immer nur darum, die kindliche Lust am Lernen zu erhalten und Basiswissen zu sichern. Prüfungen, Noten und Zeugnisse sind dabei fehl am Platze. Die Gefahr, Kinder durch schlechte Noten zu demotivieren, ist viel zu groß. Das können wir uns in der gegenwärtigen Situation einfach nicht leisten.

 

[*] Ausführliche Tipps und Links zum „Corona-Homeschooling“ finden sich auf Ilkas-Griffelkasten.com.

 

Bild: René Schindler: Familie (Pixabay)

8 Kommentare

      1. Ich war im Museum in Alice Springs, aber von der ganzen Organisation hat man natürlich nicht viel mitbekommen. Allerdings haben viele Famiien auf den Stations ein Aupair angestellt, um die Kinder beim Lernen zu unterstützen. 🙂

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