Die Würde der Tiere und Pflanzen

Die Kultur der Achtsamkeit/6

Unser Wissen über die komplexen Denk- Empfindungs- und Interaktionsformen von Tieren und Pflanzen wird immer detaillierter. Dies sollte sich auch in einem gänzlich anderen, von der Achtung vor der Würde anderer Lebewesen bestimmten Umgang mit der Natur niederschlagen.

Grundpfeiler einer Kultur der Achtsamkeit

Von einer anthropozentrischen zu einer multispezistischen Weltsicht

Die Entdeckung eines unbekannten Kontinents: Die Welt der Fische

Fische sind  nicht stumm

Komplexe Sinneswahrnehmung von Fischen

Das tastende Denken der Kraken

Bonobo-Hippies, Raben als YouTube-Stars, Delfinkult

Schweine: Kommunikativ, wissbegierig, selbstbewusst

Kommunizierende Pflanzen

Kommunikation zwischen Pflanzen und Insekten

Warum neues Wissen nicht in verändertes Handeln mündet

Missverstandener Schöpfungsauftrag

Selbstzerstörerische Hybris

Nachweise

Grundpfeiler einer Kultur der Achtsamkeit

Die Kultur der Achtsamkeit, in den vergangenen Wochen ein Schwerpunktthema auf diesem Blog, ist natürlich nicht nur für zwischenmenschliche Beziehungen bedeutsam. Die Denk- und Handlungsmuster, die sich aus ihr ergeben, lassen sich auch auf den Umgang des Menschen mit anderen Lebewesen sowie allgemein mit der Natur beziehen.

Nun ist es allerdings etwas anderes, ob unsere Handlungen sich mit dem Lebensraum unserer eigenen Spezies oder mit dem einer anderen Spezies berühren. Die Unterschiede werden deutlich, wenn wir uns zunächst noch einmal ganz grundsätzlich die zentralen Aspekte einer Kultur der Achtsamkeit vor Augen führen. Ihre Grundpfeiler sind:

  1. das Wissen darum, dass eine eigene Handlungsweise den Lebensraum anderer Lebewesen tangieren kann;
  2. die Bereitschaft, das eigene Handeln mit den Bedürfnissen der betreffenden Lebewesen abzustimmen und es ggf. zu modifizieren;
  3. Empathie, also das Sich-Hineinfühlen in die Lebenswelt der von der eigenen Handlungsweise betroffenen Lebewesen – als Voraussetzung für die Empfindung der Notwendigkeit einer angepassten Handlungsweise;
  4. eine Gesellschaft, die Mitgefühl und Rücksichtnahme als wichtige, von allen zu beachtende Werte ansieht.

Bezogen auf das naheliegende Anwendungsfeld des Nachbarschaftslärms, lassen die einzelnen Punkte den Schluss zu, dass das Haupthindernis für die Etablierung einer Kultur der Achtsamkeit nicht das fehlende Wissen um die Folgen des eigenen Tuns ist. Für die Erkenntnis, dass der eigene Lärm die Nachbarin bei ihrem Picknick mit ihren Freundinnen stört, benötigt niemand eine Einführung in die Funktions- und Wirkungsweise von Schallwellen.

So haben wir es hier also mit einer bewussten Durchsetzung der eigenen Bedürfnisse gegen die anderer Menschen zu tun. Das Grundproblem ist damit die fehlende Bereitschaft zu Empathie und Rücksichtnahme.

Von einer anthropozentrischen zu einer multispezistischen Weltsicht

Bei unseren Beziehungen zu Angehörigen anderer Spezies stellen sich die Dinge ein wenig komplexer dar. Denn hier fehlt uns in der Tat oft auch das Wissen um deren spezifische Lebensgewohnheiten, ihre Wirklichkeitswahrnehmung und Bedürfnisse und die darauf beruhenden Anforderungen an ihren Lebensraum.

Selbst wenn es uns jedoch gelingt, mit Hilfe langwieriger Forschungsmethoden unsere Erkenntnisse über die fremden Lebewesen zu erweitern, bedeutet das noch lange nicht, das wir ihnen mit derselben Empathie begegnen können wie Angehörigen unserer eigenen Spezies. Theoretisch über die Organisation kognitiver und emotionaler Prozesse in anderen Lebewesen Bescheid zu wissen, ist eben nicht dasselbe, wie sich konkret in sie hineinzufühlen. Die Fremdheit bleibt hier bis zu einem gewissen Grad unaufhebbar.

Klar ist, dass sich unser Wissen über die Tier- und Pflanzenwelt in den vergangenen Jahrzehnten extrem verfeinert hat. Die zentrale Erkenntnis ist dabei, dass Andersartigkeit nicht gleichbedeutend ist mit geringerer Komplexität kognitiver Fähigkeiten und geringerer Empfindungsfähigkeit. Vielmehr leben Tiere und Pflanzen schlicht in ihrer je eigenen Welt, was zu ganz anderen Verarbeitungsstrukturen der für sie relevanten Aspekte der Wirklichkeit führt.

Aus einer anthropozentrischen Sicht wird so mehr und mehr eine multispezistische Weltsicht, die andere Lebewesen nicht auf der Grundlage des menschlichen Denkens und Fühlens, sondern auf der Basis ihres je eigenen Umweltbezugs und der daraus abgeleiteten Fähigkeiten und Wahrnehmungsweisen beurteilt.

Dies legt auch einen grundlegenden Paradigmenwechsel in unserem Umgang mit anderen Lebewesen nahe. Tiere und Pflanzen waren für uns lange nichts anderes als Rohstoff- und Nahrungslieferanten. Mit unserem komplexeren Wissen über ihre Lebensweisen und ihre vielfältigen Interaktionsformen treten jedoch ihre jeweiligen Eigenarten viel stärker vor Augen. Aus dinghaften Ressourcen werden Lebewesen mit einer eigenen Individualität und Würde. Dies sollte sich auch in unserem Verhalten ihnen gegenüber niederschlagen.

Die Entdeckung eines unbekannten Kontinents: Die Welt der Fische

Besonders verächtlich ist unser Umgang mit Fischen. Wie der Begriff „Meeresfrüchte“ zeigt, werden sie im Grunde noch nicht einmal als Lebewesen betrachtet. Stattdessen behandeln wir sie wie nahrhafte Objekte, die wir nach Belieben ernten können.

Dabei hat die neuere Forschung einige Erkenntnisse zutage gefördert, die unserem vorurteilsbehafteten Umgang mit den Fischen in eklatanter Weise widersprechen.

Fische sind  nicht stumm

Bruce Iam: Spielende Fische (Pixabay)

Fische sind alles andere als stumm. Indem sie ihre Zähne aneinander reiben, einen Kamm an ihrer Brustflosse wie einen Bogenstrich benutzen oder eine Sehne in ihrem Kiemendeckel erzittern lassen, können sie trommelnde, pfeifende oder vibrierende Laute von sich geben. Diese dienen der Warnung vor Gefahr und dem Liebesspiel, aber auch der Kommunikation im Schwarm.

So drücken Heringe gezielt Luft aus ihrer Schwimmblase durch den Anus und verständigen sich mit dieser „Furzsprache“ über ihre jeweilige Position im Schwarm und dessen mögliche Bedrohung durch nahende Räuber. Stachelmakrelen geben beim Fang einen eigentümlichen Todesschrei von sich: ein rollendes Trommelgeräusch, mit dem sie ihre Artgenossen sterbend vor der Gefahr warnen [1].

Komplexe Sinneswahrnehmung von Fischen

Die Sinneswahrnehmung von Fischen ist auf verschiedene Weise an das Medium angepasst, in dem sie sich bewegen. Sie sind dabei nicht auf einzelne Sinnesorgane angewiesen, sondern besitzen zusätzlich die Fähigkeit, Gerüche und Geräusche über die Haut aufzunehmen.

Die Geräusche übertragen sich bei Fischen über Otolithen, kleine Steinchen im Innenohr, oder spezielle Mini-Knochen und die Schwimmblase auf die Sinneszellen. Angesichts der schnelleren Übertragungsgeschwindigkeit der Schallwellen im Wasser können Fische so rascher und flexibler auf ihre Umgebung reagieren.

Die Fähigkeit, auch unmittelbar über die Haut riechen und schmecken zu können, bietet den Vorteil, nahrhafte und für die einzelnen Fische schädliche Wasserpflanzen voneinander unterscheiden zu können, ohne sie  kosten zu müssen. Daneben ist diese Fähigkeit natürlich auch für die Fortpflanzung hilfreich, da Geruchssignale paarungsbereiter Artgenossen so auch über größere Entfernungen wahrgenommen werden können [2].

Ihre empfindsame Haut zeigt die Fische als besonders sensible Lebewesen. Sie sind keineswegs die schmerzunempfindlichen Proteinlieferanten, als die sie lange Zeit gegolten haben.

Das tastende Denken der Kraken

Die kognitiven Fähigkeiten von Fischen sind ebenfalls lange unterschätzt worden. Auch hier ist der Grund vor allem, dass Denkleistungen bei Fischen durch ihre anders geartete Umgebung ganz anders strukturiert und organisiert sind als beim Menschen.

Besonders auffallend ist das bei den Oktopoden (Kraken), deren Denkorgan über den gesamten Körper verteilt ist. Ihre 500 Millionen Nervenzellen durchziehen ihren Organismus als dichtes Netz und ermöglichen es ihnen de facto, Dinge mit ihren Saugnäpfen nicht nur zu ertasten, sondern unmittelbar zu „bedenken“.

Die Tiere sind damit nicht nur zu komplexen Problemlösungen in der Lage. Von in Gefangenschaft lebenden Tintenfischen wird auch immer wieder berichtet, dass sie, in Abhängigkeit von ihren jeweiligen Strategien zum Umgang mit ihrer Umwelt, eigene Persönlichkeitsstrukturen entwickeln [3].

Oktopoden sind allerdings nur ein Beispiel unter vielen für die kognitive Kompetenz von Fischen. Fische sind in der Lage, Materialien ihrer Umgebung absichtsvoll als Werkzeuge zu nutzen, sie können eine Art Mindmap des Meeresbodens abspeichern, entwickeln in Versuchen kreative Lösungsansätze und zeigen große Geduld und Ausdauer beim Erlernen für sie lebenswichtiger Verhaltensformen [4].

Ihre geistige Leistungsfähigkeit lässt sich folglich, bei Vergleichen mit anderen Lebewesen, nicht in Kategorien von „höher“ und „niedriger“ beschreiben. Zielführender ist eine Orientierung an ihrem Habitat und ihren besonderen Kompetenzen, die sich daraus ergebenden Herausforderungen zu bewältigen.

Bonobo-Hippies, Raben als YouTube-Stars, Delfinkult

Die Forschungen zu Fischen sind allerdings nur das letzte Glied in einer langen Kette von Studien zu anderen Spezies, die uns vor allem eines gezeigt haben: Unsere Annahmen über die mangelnde geistige Leistungsfähigkeit anderer Lebewesen sind nicht ein Beleg für deren tatsächliche Dummheit. Stattdessen spiegeln sie vor allem unsere eigene Ignoranz wider.

Allmählich wendet sich aber das Blatt. Wale und Delfine werden fast schon mystisch verehrt, seit die Harmonie ihrer gesanglichen Kommunikation Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen geworden ist [5]. Bonobos, die friedlicheren Vettern der Schimpansen, haben ein Image als Hippies des Tierreichs, seit bekannt ist, dass sie Konflikte lieber durch Sex als durch Kämpfe lösen [6].

Rabenvögel sind durch Untersuchungen zu ihren kognitiven Kompetenzen fast schon zu YouTube-Stars geworden. Mittlerweile wissen wir, dass die einst als Unglücksbringer und Saaträuber bejagten Tiere sogar über etwas verfügen, das wir lange Zeit als Alleinstellungsmerkmal des Menschen betrachtet haben: ein Bewusstsein ihrer selbst [7]. Da verwundert es auch nicht, dass sie über eine außerordentliche Geschicklichkeit im Werkzeuggebrauch [8], eine hohe soziale Kompetenz und offenbar sogar über eine Art Gerechtigkeitsempfinden [9] verfügen.

Schweine: Kommunikativ, wissbegierig, selbstbewusst

Auch bei Tieren, die wir im Alltag hauptsächlich als Nahrungsquelle missbrauchen, fördert die Forschung immer mehr Details über die Komplexität ihres Denkens und Fühlens zutage.

Schweine etwa sind mindestens so lernfähig wie Hunde. Ihre von uns pauschal als „Grunzen“ und „Quieken“ abqualifizierten Laute sind offenbar differenzierter, als es unsere Ohren wahrnehmen können. Sie dienen dem Ausdruck einer Vielfalt von Gemütszuständen, durch deren Mitteilung die Tiere ihren sozialen Zusammenhalt stärken. Wie Krähen – und übrigens auch Delfine oder Elefanten [10] – verfügen Schweine zudem über die Fähigkeit, sich selbst in einem Spiegel zu erkennen, haben also ein Bewusstsein ihrer selbst [11].

Wie eng Neugierde, Lernbereitschaft und geistige Kompetenz miteinander zusammenhängen, wurde jüngst ebenfalls an einer viel beachteten Studie mit Schweinen gezeigt. Dabei gelang es Schweinen, mit Hilfe eines Joysticks einen Cursor so zu bewegen, dass dieser die Seitenränder des Bildschirms berührte. Sie begriffen also den Zusammenhang zwischen zwei motorischen Sphären, die in ihrer Alltagswelt normalerweise nichts miteinander zu tun haben.

Die zentrale Erkenntnis der Studie war, dass die Tiere sich nicht nur durch Futter, sondern auch durch sozialen Zuspruch und den eigenen Lernerfolg in ihrem Tun motivieren ließen. Sie lösten die ihnen gestellte Aufgabe demnach nicht nur aus extrinsischer, sondern auch aufgrund intrinsischer Motivation. Mit anderen Worten: Der Spaß am Erwerb zusätzlicher Kompetenzen reichte ihnen als Belohnung aus [12].

Kommunizierende Pflanzen

Nicht nur bei Tieren nimmt in letzter Zeit unser Verständnis für deren besondere geistige Kompetenzen und ihr komplexes Interaktionsverhalten zu. Auch in der Welt der Pflanzen werden in den vergangenen Jahren immer neue Interaktions- und Kommunikationsformen entdeckt.

Ein besonders prägnantes Beispiel ist etwa das Zusammenspiel von Bäumen und Bodenpilzen. Bei dieser speziellen Form der Symbiose, der so genannten „Mykorrhiza“ (wörtlich „Pilzwurzel“) liefern die Pilze den Bäumen Wasser und Mineralstoffe, indem sie sich an deren Wurzeln ansiedeln. Im Gegenzug profitieren die Pilze von der Fotosynthese der Bäume, die sie mit Kohlenhydraten versorgt. Das so entstehende fragile Gleichgewicht regulieren Baum und Pilz, indem sie sich über spezielle biochemische Botenstoffe verständigen [13].

Eine andere Form der Pflanzenkommunikation dient der Abwehr von Fressfeinden. Viele Pflanzen verfügen über die Fähigkeit, das Kaugeräusch ihrer Feinde über die hierdurch ausgelösten Vibrationen zu erkennen [14]. In diesem Fall können senden manche von ihnen Duftstoffe aus, mit denen sie die Feinde ihrer Feinde anlocken. So organisieren sie sich quasi ihre eigene biologische Schädlingsbekämpfung [15].

In anderen Fällen dienen Duftmoleküle den Pflanzen auch der Intensivierung der eigenen Abwehr von Schädlingen. So aktivieren etwa Maispflanzen durch Aussenden des Duftstoffs Indol die eigene Immunantwort, senden aber gleichzeitig auch anderen Maispflanzen ein Signal für erhöhte Wachsamkeit. Demnach gibt es also auch in der Welt der Pflanzen eine Art von Sozialverhalten [16].

Kommunikation zwischen Pflanzen und Insekten

Wie Pflanzen Schädlinge abwehren können, verfügen sie auch über ein reiches Inventar an Möglichkeiten, um Nützlinge anzulocken. Bekanntermaßen weisen sie über spezielle Duftstoffe, Farben, Form und Muster von Blüte und Blütenkelch genau jenen Insekten den Weg, die sie für die Bestäubung benötigen.

Neuere Forschungen haben darüber hinaus gezeigt, dass die Pflanzen auch unmittelbar mit anfliegenden Insekten interagieren. Die Pflanzen reagieren dabei auf die durch das Summen der Insekten ausgelöste Vibration der Luft mit einer analogen Vibration der Blütenblätter. Parallel dazu erhöhen sie den Zuckergehalt des Nektars. Beides erhöht die Chancen auf eine Bestäubung.

Verlässt das Insekt die Blüte, so verändert sich dadurch auch die Vibration der Blütenblätter. Dies verrät wiederum anderen Insekten, ob es sich für sie lohnt, die Blüte anzusteuern. Damit haben wir es hier mit einer komplexen, mehrstufigen Kommunikation zu tun, die sowohl die Interaktion zwischen Pflanze und Insekt als auch die der Insekten untereinander umfasst [17].

Warum neues Wissen nicht in verändertes Handeln mündet

Angesichts der immer detaillierteren Einblicke in die kognitiven Kompetenzen, die Empfindungsfähigkeit und die vielfältigen Interaktionsformen von Tieren und Pflanzen stellt sich die Frage, warum es nicht längst zu einem Ende von Massentierhaltung, empathielosen Tierversuchen, industriellem Fischfang und Monokulturen gekommen ist.

Die Hauptantwort darauf ist wohl, dass Wissenkönnen nicht gleichbedeutend ist mit Wissenmüssen. Die Erkenntnisse über die komplexen Fähigkeiten oder auch das Schmerzempfinden von Tieren sind zwar weder besonders schwer zu begreifen noch schwer zugänglich. Es ist aber eben niemand gezwungen, sie zur Kenntnis zu nehmen oder sein Handeln danach auszurichten.

Hinzu kommt, dass es auch eine Reihe von Handlungsformen gibt, bei denen es keiner besonderen Erkenntnisse bedarf, um ihren unzumutbaren Charakter für andere Lebewesen zu begreifen. Dass es keinem Lebewesen guttut, in engen, fahrenden Käfigen zur Schlachtbank transportiert und dort per Bolzenschussgerät oder Elektroschock hingerichtet zu werden, ist unmittelbar einleuchtend. Dennoch wird diese Handlungsweise in unserer Gesellschaft akzeptiert.

Der Grund dafür ist auf Seiten der Schlachthofbetreiber der Profit, der aus dem Massenmord gezogen werden kann. Bei denen, die das Fleisch konsumieren, ist es schlicht die Gewohnheit, dieses als unverzichtbares Grundnahrungsmittel anzusehen. Die Lust am Fleischkonsum beruht in erster Linie auf den beigegebenen Gewürzen, die sich in analoger Form den ebenso nahrhaften pflanzlichen Ersatzprodukten beimischen lassen.

In beiden Fällen ist die Grundvoraussetzung für das Festhalten am Produkt „Fleisch“ allerdings die bewusste Missachtung des Leids, das für seine Gewinnung anderen Lebewesen zugefügt wird. Damit ist das Hauptproblem auch hier – wie im zwischenmenschlichen Bereich – nicht fehlendes Wissen, sondern die mangelnde Bereitschaft, das vorhandene Wissen handlungswirksam werden zu lassen.

Neue Erkenntnisse über die Komplexität der Denk- und Empfindungsweisen anderer Lebewesen helfen deshalb hier nur bedingt weiter. Erst eine Kultur der Achtsamkeit, die das neue Wissen nicht bewusst ignoriert, könnte einen Paradigmenwechsel in unserem Umgang mit anderen Spezies bewirken.

Missverstandener Schöpfungsauftrag

Ein Argumentationsmuster, mit dem ein achtsamerer Umgang mit Tieren und Pflanzen häufig zurückgewiesen wird, ist der Verweis auf die strukturelle Beschaffenheit der Natur, die selbst einen ewigen Kreislauf aus Fressen und Gefressenwerden vorgebe. Die Rolle des Menschen ist es dieser Sichtweise zufolge, den größtmöglichen Nutzen aus dieser naturhaften Gesetzmäßigkeit zu ziehen.

Dies entspricht auch einer weit verbreiteten Vulgärsicht der christlichen Lehre. Danach ist es dem Menschen – als der angeblichen „Krone der Schöpfung“ – anheimgegeben, über andere Lebewesen zu herrschen und die Natur nach seinem Willen zu nutzen und zu gestalten. Allenfalls ist dabei mitgedacht, dass der Mensch mit der Natur pfleglich umzugehen hat, um Gottes Schöpfung nicht zu beschädigen. Seine Herrscherrolle wird jedoch nicht in Frage gestellt.

Die Schöpfungsgeschichte lässt sich jedoch auch ganz anders interpretieren. Was, wenn Gott den Menschen nicht als das vollkommenste aller Raubtiere erschaffen hat, sondern die Schöpfung auf ihn hat zulaufen lassen, um diese mit sich selbst zu versöhnen? Wenn die Rolle des Menschen in der Schöpfung nicht Herrschaft, sondern Bewunderung ist, Erlangung von Einsicht in das Wunder der Schöpfung, verbunden mit einer entsprechend achtsamen Handlungsweise?

Selbstzerstörerische Hybris

Eine Kultur der Achtsamkeit im Umgang mit anderen Lebewesen und allgemein mit der Natur empfiehlt sich für uns aber auch aus purem Eigeninteresse. Jahrhundertelang war es üblich, dass Menschen einerseits ihrem naturhaften Trieb zur Tötung anderer Lebewesen und zu deren Nutzung für eigene Zwecke gefolgt sind, dabei andererseits aber technische Mittel eingesetzt haben, die jedes natürliche Maß gesprengt haben. Dies hat das Gleichgewicht der Natur nachhaltig zerstört.

So hat die Menschheit heute im Grunde keine andere Wahl mehr, als innezuhalten und die gesammelten Erkenntnisse über die Komplexität des Lebens handlungswirksam werden zu lassen. Die Folge wäre die Implementierung einer Kultur der Achtsamkeit gegenüber der Natur, die zwangsläufig mit einem stärkeren Mitgefühl mit anderen Lebewesen einhergehen würde.

Wenn wir dagegen weiterhin als Raubtiere mit einer besonderen Fähigkeit zur mitleidslosen Tötung anderer Lebewesen agieren, werden wir uns am Ende unserer eigenen Lebensgrundlagen berauben.

Nachweise

[1]  Melliger, Robin: Von wegen stumm und taub. Petri-heil.ch, 17. Januar 2022.

 Beispiele von Fischkommunikation finden sich in dem Beitrag von Heidi van Elderen, Heidi: Fischgeräusche: Gespräche unter Wasser. Tierwelt.ch, 9. August 2017.

[2]  Melliger, Robin: Das Geruchs- und Geschmacksorgan der Fische. Petri-heil.ch, 16. Februar 2022.

[3]  Kretz, Sebastian: Kluge Kraken: Wie die Kopffüßer die Forschung verblüffen. GEO KOMPAKT Nr. 33 – 12/12 – Wie Tiere denken.

Illinger, Patrick: Oktopoden: Acht Arme, drei Herzen und Gehirn im ganzen Körper. Süddeutsche Zeitung, 3. April 2017.

[4]  Pauli, Marko: Die unterschätzte Intelligenz der Fische. Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 30. November 2017.

[5]  Foer, Joshua: Die Sprache der Delfine: Wir müssen reden. National Geographic, Heft 5, 2015, S. 60 – 83.

        Scinexx.de: Grönlandwale sind wahre Gesangskünstler; 4. April 2018; mit Link zur entsprechenden Studie der University of Washington.

[6]  Miersch, Michael: Bonobos sind Meister der sexuellen Versöhnung. Welt.de, 5. Januar 2010.

[7]  Karbe, Antje / Ottleben, Ilka: Subjektive Wahrnehmung bei Vögeln. Erstmals nachgewiesen: Krähen haben ein Bewusstsein wie Primaten. Laborpraxis.vogel.de, 25. September 2020.

[8]  Springer, Michael: Der Haken an der Sache. Spektrum.de, 27. April 2020.

[9]  Blawat, Katrin: Nur nicht böse sein zum Raben. Süddeutsche Zeitung, 12. Juni 2017.

[10]    Blawat, Katrin: Kognitionsforschung: Selbstbewusste Tiere. Süddeutsche Zeitung, 14. Februar 2019.

[11]    Ludwig, Mario: Schweine sind schlau wie die Sau. Tierwelt.ch, 5. November 2014.

        Nau.ch: Schweine sind mindestens so intelligent wie Hunde. 25. April 2022.

[12] Obermüller, Eva: Schweine, die Computer spielen. Science.orf.at, 11. Februar 2021 [mit Link zur Studie].

[13]    Funk, Petra: Symbiose untersucht: Pilze helfen Bäumen bei Stress und an schwierigen Standorten. Ingenieur.de, 27. Oktober 2013.

May, Helge: Hallo Partner! Wo Pilze und Bäume voneinander profitieren. Nabu.de.

[14]    Westerhaus, Christine: Schädlingsabwehr: Pflanzen reagieren auf Knabbergeräusche. Deutschlandfunk, 5. Dezember 2019.            

[15]    Pflanzenforschung.de: Wie Pflanzen ihre Nachbarn warnen; 27. Oktober 2011.

[16]    Myscience.ch: Warnsignal der Maispflanzen entschlüsselt; 16. Februar 2015; mit Link zu der entsprechenden Studie der Universität Bern.

[17]    Petdoctors.at: Wie Blumen Bienen hören und mit ihnen kommunizieren. April 2022.  

Bilder: Elmar (Reykjavik): Mein Goldfisch (Wikimedia); Lucas Cranach: Der Garten Eden, 1530 (Ausschnitt; Wikimedia) ; Sandrine Rogère: Tintenfisch (Puixabay); Roman Fernandez: Krähe (Pixabay); Roy Buri: Ferkel (Pixabay); Eric Karits: Taubenschwanz (Pixabay); Lucas Cranach: Der Garten Eden, 1530 (Ausschnitt).

5 Kommentare

  1. Ein wichtiger Beitrag in einer Welt, in der die „Krönung der Schöpfung“ gerade dabei ist, sich völlig „unachtsam“ in ihre letzte mörderische Schlacht zu stürzen, anstatt sich mit sich selbst und mit den anderen Naturreichen zu versöhnen.

    Gefällt 2 Personen

  2. Ein wunderbares Essay!!!! – Eine veränderte Einstellung zu Natur und Mitgeschöpfen würde mehrere Probleme gleichzeitig lösen: Die Klima- und Biodiversitätskrise sowie die zunehmende Bodenversiegelung und letztendlich würde sie das Leben bereichern. Materialismus macht bekanntlich nicht glücklich. Mich erinnern die Gedanken an Schopenhauer. Er sah den Egoismus als die stärkste Triebfeder des Menschen. Nur das Mitgefühl sei in der Lage den Menschen zu zivilisieren. Er schrieb schon 1851: „Erst, wenn jene einfache und über allen Zweifel erhabene Wahrheit, daß die Tiere in der Hauptsache und im Wesentlichen ganz dasselbe sind, was wir, in’s Volk gedrungen sein wird, werden die Tiere nicht mehr als rechtlose Wesen dastehen und demnach der bösen Laune und Grausamkeit jedes rohen Buben preisgegeben sein; – und wird es nicht jedem Medikaster freistehen, jede abenteuerliche Grille seiner Unwissenheit durch die gräßlichste Qual einer Unzahl Tiere auf die Probe zu stellen, wie heutzutage geschieht.“
    (Arthur Schopenhauer (1788 – 1860), Parerga und Paralipomena, Zweiter Band. Kapitel 15. Über Religion). Leider hat sich in der Zwischenzeit wenig getan. Immer noch werden unzählige Mitgeschöpfe für eine so genannte Grundlagenforschung zu Tode gequält. Massentierhaltung und Schlachthöfe werden allenfalls unter dem Klimaaspekt angeprangert. Es ist also noch ein weiter Weg zum „zivilisierten Menschen“.

    Gefällt 1 Person

  3. Ich habe im letzten Jahr genau dieses Thema als Projektreihe in einer Förderschule in MV behandelt. Es lief wunderbar. Mit einer jeweiligen kleinen Ausstellung zu Tieren, Pflanzen, ja Landschaften, Himmel, Wasser und Erde habe ich mit den Kindern kreativ und in Rollenspielen gearbeitet. Eigentlich kamen die Kinder selbst schnell darauf, dass auch das Wasser, die Erde und der Himmel eine Würde haben. Ich kann es nur jedem künstlerisch tätigen, jedem Pädagogen u.ä. Berufes in Rente, jedem Lehrer/in empfehlen, dieses Thema aufzugreifen und mit kreativen Techniken und natürlich Gesprächen, Geschichten und Rollenspielen zu intensivieren.

    Gefällt 1 Person

  4. Diesen Beitrag habe ich richtig gerne gelesen. Er ist interessant (über Fische wusste ich fast nichts, fiel mir auf) und sehr anregend. Es ist eine ungeheure Bereicherung, sich mit dem Leben von Tieren und Pflanzen zu beschäftigen. Man ist fasziniert und staunt.

    Like

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s