Achtsamkeit als Kitt für das Gemeinwesen

Ein Gegengift gegen die Egomanie

Jahresrückblick, Teil 4

Die Freiheit gilt als Kernelement westlicher Kultur. Sie kann sich jedoch in ihr Gegenteil verkehren, wenn sie nicht mit einer Kultur der Achtsamkeit verknüpft wird.

Das janusköpfige Gesicht der Freiheit

Wenn uns jemand bitten sollte, den Kern unserer Kultur in einem Wort zusammenzufassen, würden viele von uns wohl antworten: Freiheit.

„Westen“ und „Freiheit“ – das sind für uns fast schon Synonyme. Vor dem Hintergrund der überall auf der Welt grassierenden Seuche des neuen Autoritarismus und Totalitarismus ist es ja auch nur allzu verständlich, dass wir diesen in der Tat zentralen Aspekt unserer Kultur besonders betonen.

Solange es hierbei darum geht, den Wert von Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit herauszustellen, die Freiheit also politisch zu buchstabieren, ist dies auch durchaus sinnvoll. Denn auf diese Weise lässt sich gerade das akzentuieren, was wir im Vergleich zu den autoritären Staaten gleich welcher Couleur für ein besonders schützenswertes Gut halten.

Gerade die emphatische Betonung der Freiheit führt allerdings dazu, dass wir den Freiheitsbegriff immer wieder überstrapazieren. Dieser kann dann zu einer leeren Worthülse in Politikerreden werden, wo er alles und nichts oder im Extremfall sogar das Gegenteil dessen bedeutet, was mit ihm gemeint ist.

Vor allem aber kann dies in ein Verständnis von Freiheit münden, bei dem diese im Sinne einer Abwesenheit aller Grenzen für das Individuum interpretiert wird, im Sinne eines uneingeschränkten Ausagierens der eigenen Bedürfnisse. Eine solche Freiheit aber hebt sich selbst auf, da sie impliziert, dass die Freiheit einiger weniger zugleich die Unfreiheit vieler anderer nach sich zieht.

Dass eine Freiheit ohne alle Regeln und Grenzen in ein Chaos mündet, in dem sie am Ende selbst untergeht, weiß jede Kindergärtnerin. Das Bewusstsein, dass die eigene Freiheit niemals auf Kosten der Freiheit anderer durchgesetzt werden darf, ist die Lebensader jeder Form von Freiheit. Wer sie durchtrennt, untergräbt die Freiheit und erstickt sie im Extremfall.

Grundpfeiler einer Kultur der Achtsamkeit

Achtsamkeit ist daher die Grundvoraussetzung für eine inklusive Kultur der Freiheit. Sie impliziert, dass in einer Gemeinschaft alle ein Gespür für die Bedürfnisse anderer entwickeln – und dass dieses Gespür all ihre Handlungen begleitet. Ziel muss es sein, dass der Schmerz oder Verlust, den eine eigene Handlung anderen zufügt, genauso stark empfunden wird, als würde man ihn sich selbst zufügen. Grundpfeiler einer Kultur der Achtsamkeit sind demzufolge:

  1. das Wissen darum, dass eine eigene Handlungsweise den Lebensraum anderer Lebewesen tangieren kann;
  2. die Bereitschaft, das eigene Handeln mit den Bedürfnissen der betreffenden Lebewesen abzustimmen und es ggf. zu modifizieren;
  3. Empathie, also das Sich-Hineinfühlen in die Lebenswelt der von der eigenen Handlungsweise betroffenen Lebewesen – als Voraussetzung für die Empfindung der Notwendigkeit einer angepassten Handlungsweise;
  4. eine Gesellschaft, die Mitgefühl und Rücksichtnahme als wichtige, von allen zu beachtende Werte ansieht.

Was das konkret bedeutet, habe ich in diesem Jahr anhand von sechs exemplarisch herausgegriffenen Handlungs- und Problemfeldern herausgearbeitet. Im Einzelnen handelte es sich dabei um:

  • die Bedeutung des Staates und der Staatengemeinschaft für das Ausbalancieren einzelner Freiheitsentwürfe;
  • Empathie und Offenheit für das Andersartige als Voraussetzung für eine Kultur der Achtsamkeit;
  • Lärmschutz als Musterbeispiel für eine Kultur der Achtsamkeit;
  • Individuum- und gruppenbezogene Achtsamkeit am Beispiel der Diskussion um Unisex-Toiletten;
  • Achtsamkeit als Grundbaustein für die Bekämpfung des Klimawandels;
  • Achtsamkeit als Handlungsmaxime für unseren Umgang mit der Natur.

PDF mit allen Beiträgen:

Die Kultur der Achtsamkeit. Überlegungen zu einem dialogischen Freiheitsverständnis.

Einzelposts:

Die Kultur der Achtsamkeit. Plädoyer für einen dialogischen Freiheitsbegriff

Die Kunst der Empathie

Die Lust am Lärm und die Freiheit der Beschallten

Die öffentliche Toilette als Nachweis einer inklusiven Gesellschaft

Die drei Ungleichzeitigkeiten bei der Bekämpfung des Klimawandels

Die Würde der Tiere und Pflanzen

Bild: Albert Anker: Strickerinnen (Wikimedia)

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