Die Gnade der Zensur

Mit einem geheimen Strategiepapier aus einer Zensorenschulung

LeserEiner der „Hingucker“ der diesjährigen Kasseler documenta war der von der argentinischen Künstlerin Marta Minujín gestaltete „Parthenon of books“, ein mit verbotenen Büchern behängter, nachts bunt angestrahlter Tempel, in dem wie in einer Arche Noah des Geistes zensierte Werke eine Heimstatt finden sollten. Die Aussage ist klar: Aller Verfolgung zum Trotz setzt sich die Freiheit des Geistes am Ende doch durch und überstrahlt mit ihrem inneren Leuchten alle Verblendungsattacken.

Wenn man sich vor Augen hält, welche geistigen, aber auch physischen Schäden die Zensur anrichten kann, wird man dem Kunstwerk sicher grundsätzlich mit Sympathie begegnen. Bei näherer Betrachtung erweist sich das Schwarz-Weiß-Bild, das es zeichnet, jedoch als unzureichend für das Verständnis der Wirkmechanismen, die für die Zensur charakteristisch sind. Dies wird deutlich, wenn man die einzelnen Ebenen, auf denen sich die Zensur manifestiert, genauer gegeneinander abgrenzt. Im Einzelnen lassen sich dabei unterscheiden:

1. der Akt der Zensur selbst, also die Ebene der Zensierenden. Hier steht klar die Intention der Destruktion und der Einschränkung der geistigen Freiheit im Vordergrund, indem dem Geist sowohl inhaltlich als auch strukturell – also hinsichtlich der Art des Denkens, der Paradigmen, die dem Verständnis der Welt zugrunde gelegt werden – Grenzen gesetzt werden.

2. die Ebene der Person, die das zensierte Werk in die Welt gesetzt hat. Zwar richtet sich der Akt der Zensur in der Regel zunächst gegen ein bestimmtes Geistesprodukt, doch trifft er zugleich immer auch den Urheber desselben, der für die Erzeugung und (geplante oder bereits erfolgte) „Freilassung“ des entsprechenden Werkes haftbar gemacht wird. Aus der geistigen wird daher hier eine physische Drangsalierung, aus der Einengung des Geistes die Beschränkung der physischen Freiheit, was nicht selten mit Folter und anderen lebensbedrohlichen körperlichen Übergriffen einhergeht.

3. die Ebene des zensierten Werkes. Hier geht es darum, die Verbreitung des auf den Index gesetzten Geistesproduktes zu verhindern. Die Wirkung ist dabei allerdings oft zweischneidig. Zwar gelingt es kurzfristig zumeist, die öffentliche Präsenz des betreffenden Werkes zu unterbinden. Gleichzeitig wirkt das Etikett „zensiert“ jedoch auch wie eine Auszeichnung. Denn mit diesem Etikett gestehen die Zensierenden dem zensierten Werk implizit eine potenzielle Wirkmächtigkeit zu – anders könnte es ihre Deutungshoheit ja nicht gefährden.Vor diesem Hintergrund beschwerte schon Oskar Maria Graf sich ironisch bei den nationalsozialistischen Zensoren, als diese ihm bei ihrem geistigen Kahlschlag den Ritterschlag des Zensierten verwehrten.

Die Folge ist dann nicht selten, dass das zensierte Geistesprodukt unter der Hand weitergereicht und im Geheimen diskutiert wird, also genau die Wirkung entfaltet, die durch die Zensur verhindert werden sollte. Auch dort, wohin der lange Arm der Zensurbehörde nicht reicht – im Ausland –, wirkt der Adelstitel „zensiert“ publikationsfördernd, da die Verlage sich hiervon eine gesteigerte Aufmerksamkeit und damit auch höhere Verkaufszahlen versprechen. Im Inland gilt dasselbe für den Fall, dass die Zensierenden ihre Macht einbüßen und eine neue, nicht oder anders zensierende Zeit anbricht.

4. die Ebene des zensierten Geistes. Wir alle kennen das Märchenmotiv von dem Schloss mit den hundert Türen, von denen eine einzige nicht geöffnet werden darf. Und wir alle wissen genau, was die Person, die das Verbot zu beachten hat, tun wird: Sie wird die verbotene Tür öffnen. So ähnlich ist es auch im Reich der Zensur: Gerade die Tür, die zu öffnen uns die Zensoren verbieten, möchten wir durchschreiten, gerade das, was sich dahinter verbirgt, zieht uns unwiderstehlich an.Mit anderen Worten: Der menschliche Geist wächst an seinen Widerständen. Wer ihm Grenzen setzt, reizt ihn dazu, diese zu überwinden, also eben jene Kräfte zu entwickeln, an deren Ausbildung man ihn durch die Zensur hindern möchte.

Angesichts dieser Komplexität des Zensurvorgangs hat sich auch die Praxis der Zensur weiterentwickelt. Um dies zu veranschaulichen, veröffentliche ich an dieser Stelle ein geheimes Strategiepapier aus einer Zensorenschulung, das unserer Redaktion zugespielt worden ist:

Checkliste für den erfolgreichen Zensor

Wege zur effektiven Ausübung der Zensur

  1. So gab es in den realsozialistischen Ländern des ehemaligen „Ostblocks“ eine reiche Samisdat-(Selbstdruck-)Szene. Verbotene Werke wurden unter der Ladentheke feilgeboten und in Hinterzimmern mit verschwörerischer Lust diskutiert. Heute dagegen, wo alles erlaubt ist, würde man die Lektüre derselben Werke womöglich als zu anstrengend empfinden und sich stattdessen lieber die neusten You-Tube-Videos anschauen.
    1. Verbiete nichts! Seit unserer Kindheit wissen wir, dass die verbotenen Früchte die süßesten sind. Mit Verboten erhöhst du daher nur den Reiz dessen, dem du die Aufmerksamkeit entziehen möchtest. Je mehr du verbietest, desto stärker regt sich auf Seiten der Lesenden zudem das Gefühl, bevormundet zu werden. Dies erzeugt Trotz und den Wunsch, gerade das zu lesen, was von dir auf den Index gesetzt worden ist. So fördern Verbote bei den Adressaten den Drang, ihre geistige Freiheit auszuleben.
    2. Verteile Lob, nicht Tadel! Als guter Pädagoge weißt du natürlich, dass du deine geistigen Schutzbefohlenen mit einem Lob eher in die gewünschte Richtung lenken kannst als mit einem Tadel. Deshalb solltest du jene Werke loben, deren Lektüre du für empfehlenswert hältst, anstatt diejenigen zu tadeln, deren Lektüre du verhindern möchtest. Diese erwähnst du am besten gar nicht – verschweige sie, dann wird auch niemand nach ihnen fragen.
    3. Dein Lob sollte allerdings auch nicht zu aufdringlich sein. Auf keinen Fall darf es wie eine zwingende Empfehlung wirken. Am erfolgversprechendsten ist es, wenn du die Lesenden die von dir ausgewählten Werke durch ihrem Alltag angepasste Präsentationsformen selbst entdecken lässt und sie dann für ihre Lektüre lobst, als hätten sie diese selbst ausgewählt.
    4. Verkleide dich als Anwalt des Publikums! Wenn einmal ein von dir abgelehntes Werk trotz aller Bemühungen, es zu verschweigen, doch zu den Lesenden vordringt, darfst du es nicht nachträglich durch eine differenzierte Betrachtung würdigen. Wenn du nicht umhinkommst, dich zu ihm zu äußern, so greif es da an, wo du beim Publikum am ehesten auf Zustimmung hoffen kannst – kritisiere es als langatmig und unverständlich, als akademisch und leserunfreundlich. Die Maßstäbe für deine Kritik brauchst du dabei nicht offenzulegen. Es reicht, wenn du das Lektüreerlebnis wie eine langweilige Schulstunde beschreibst.
    5. Erhöhe das Angebot! Je größer die Auswahl an Büchern ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Lesenden auf Werke stoßen, deren Verbreitung du deine Zustimmung verweigerst. Dein Ziel muss es deshalb sein, so viele Bücher veröffentlichen zu lassen, dass niemand mehr einen Überblick über die publizierten Werke hat. Dankbar wird man sich dann bei der Lektüreauswahl von deinem Lob für das Lesenswerte leiten lassen.
    6. Heroisiere deine Favoriten! Zwar wirst du – um nichts dem Zufall zu überlassen – für die Erstellung der dir genehmen Geistesprodukte ganze Abteilungen von Schreiberlingen beschäftigen. Hierüber aber darfst du in der Öffentlichkeit nicht reden. Such dir stattdessen Fackelträger aus, die dein Produkt gegenüber dem Publikum verkörpern. Diese müssen ein selbstsicheres Auftreten haben und dürfen durchaus auch eine gewisse geistige Überheblichkeit ausstrahlen. Dies erhöht die Bereitschaft der Lesenden, sie als geistige Führer anzuerkennen und ihnen ihre geistige Freiheit zu Füßen zu legen. 
    7. Verflüchtige dich! Auch wenn du den verständlichen Wunsch verspüren solltest, dich für deine erfolgreiche Arbeit zu rühmen – die größte Wirkung erzielst du, wenn du unsichtbar bleibst. Noch wirkungsvoller ist es, wenn du dich selbst überflüssig machst, indem du dich in den Mechanismen des von dir geschaffenen Marktes auflöst. Der erfolgreichste Zensor ist der, den man nicht mehr braucht, weil die Dynamik des Marktes nur noch die erwünschten Werke hervorbringt und die Lesenden eben diese Werke als den Inbegriff von Geisteskultur ansehen.

 

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