Hegel, die Dinosaurier und wir

Warum Klimaschutz ohne Naturschutz zum Scheitern verurteilt ist

YoumYoung Youm city

Klimaschutz und Naturschutz stehen für unterschiedliche Herangehensweisen an den Umweltschutz. Beide können, müssen aber nicht denselben Zielen dienen. So besteht die Gefahr, dass wir durch eine Abkehr vom Naturschutzgedanken am Ende auch unsere „Klimaziele“ verfehlen.

HEGEL, DIE DINOSAURIER UND WIR.PDF

INHALT:

„Klimaschutz“ – ein unlogischer Begriff
Der anthropozentrische Kern des Klimaschutzkonzepts.
Klimaschutz kontra Naturschutz?
Die Menschen als Profiteure einer Klimakatastrophe
Beherrschung oder Bewahrung der Natur?
Die Sauriernatur des menschlichen Geistes

„Klimaschutz“ – ein unlogischer Begriff

Naturschutz ist out. Heute schützen wir – klar – „das Klima“. Dabei ist so viel von „Klimaschutz“ die Rede, dass uns der unlogische oder zumindest ungenaue Charakter des Wortes gar nicht mehr auffällt.
Wenn wir von „Naturschutz“ sprechen, haben wir etwas Konkretes vor Augen: bestimmte Tier- oder Pflanzenarten, Ökosysteme oder Biotope, in denen durch das Interagieren spezifischer Organismen einzigartige Lebenswelten entstehen. „Das Klima“ lässt sich zwar auch auf eine Vielzahl einzelner, konkret fassbarer Elemente zurückführen. Dabei handelt es sich jedoch zum einen nicht um Lebewesen, sondern um Wirkmechanismen, durch die etwa Windverhältnisse, Temperaturschwankungen oder Meeresströmungen einander gegenseitig beeinflussen.
Zum anderen geht es uns, genau genommen, auch keineswegs darum, „das Klima“ als solches zu schützen. Wäre dem so, so bräuchten wir keinerlei Anstrengungen zur Eindämmung des Klimawandels zu unternehmen. Denn auch wenn wir unsere „Klimaziele“ verfehlen sollten, wird es weiterhin ein Klima geben. Nur wird dieses den Menschen dann eben nicht so zuträglich sein wie das bisherige Klima.

Der anthropozentrische Kern des Klimaschutzkonzepts

Wenn wir von „Klimaschutz“ reden, meinen wir also in Wahrheit die Bewahrung eines Klimas, dass dem Fortbestehen der Menschheit förderlich ist. Das ist natürlich legitim. Schließlich ist der Kampf um das Überleben der eigenen Art eine der Hauptantriebskräfte der Evolution. Dennoch impliziert das Konzept des „Klimaschutzes“ damit eine anthropozentrischere Herangehensweise an den Umweltschutz als der Naturschutz.
Zwar bebildern wir die Angst vor dem Weltuntergang, die der Klimawandel befeuert, auch immer wieder mit dadurch gefährdeten Tierarten und einzigartigen Ökosystemen, wie dem Eisbär oder Korallenriffen (mit dem australischen Great Barrier Reef als prominentestem Beispiel). Dennoch steht im Vordergrund der Bemühungen um Klimaschutz stets die Bewahrung der für den Menschen günstigen Umweltbedingungen.
Deshalb ist es bei diesem Paradigma zwar möglich, dass Umweltschutzmaßnahmen auch dem Erhalt einzelner Tier- und Pflanzenarten dienen. Es ist aber auch der umgekehrte Fall denkbar, dass der Klimaschutz den Naturschutz aussticht. So ist das deutsche Naturschutzgesetz explizit für die Errichtung der vermeintlich dem Klimaschutz dienenden Windkraftanlagen aufgeweicht worden.
Beim Naturschutzparadigma ist die Denkrichtung dagegen genau umgekehrt. Die Schutzmaßnahmen setzen hier nicht am Menschen und den ihm förderlichen Unweltbedingungen an, sondern an der Natur, als dem übergeordneten Ganzen, zu dem auch der Mensch gehört. Der Grundgedanke ist: Was der Natur dient, dient langfristig auch dem Menschen, weil er ein Teil der Natur ist.

Klimaschutz kontra Naturschutz?

Die Fokussierung auf den Klimaschutz ist damit einerseits, angesichts der konkreten Bedrohung der menschlichen Lebensumwelt durch den Klimawandel, verständlich. Andererseits birgt dieser Paradigmenwechsel die Gefahr in sich, dass wir durch einseitig auf den Menschen und seine Lebensbedürfnisse bezogene Maßnahmen im Endeffekt sogar zu einer Beschleunigung des Klimawandels beitragen.
Dies gilt zum einen unmittelbar in all jenen Fällen, in denen – wie etwa beim Bau von Windkraftanlagen oder der Förderung von Rohstoffen, die für die Batterien zum Betrieb von E-Autos benötigt werden – Natur zerstört wird, um das Klima zu schützen. Die dadurch entstehenden Umweltschäden (Rückgang der Artenvielfalt, Austrocknung von Böden, Beschädigung der als Kohlendioxidspeicher benötigten Wälder) können sich allesamt direkt in für uns ungünstiger Weise auf die Entwicklung des Klimas auswirken.
Zum anderen führt die Ersetzung des Naturschutz- durch den Klimaschutzgedanken aber auch dazu, dass wir das Gespür für das komplexe Interaktionsgefüge verlieren, das naturhaftes Leben auszeichnet. Wenn aber das Denken in Kategorien von Ökosystemen oder symbiotischen Beziehungen, wie sie uns der Naturschutz gelehrt hat, in den Hintergrund tritt, verlernen wir auch die nötige Achtsamkeit im Umgang mit der Natur, die durch die Umweltschutzbewegungen des vergangenen Jahrhunderts stärker zur Geltung gebracht worden ist.
Im Schatten der „klimafreundlichen“ Transformation der Wirtschaft können dann auch die ausbeuterisch-rücksichtslosen Formen des Umgangs mit der Natur, die gerade erst mühsam eingedämmt worden sind, wieder ungenierter praktiziert werden. Falls nötig, braucht man ja nur zu behaupten, dass dies im Namen des Klimaschutzes unerlässlich sei. Wenn vom „New Green Deal“, einer „Versöhnung von Ökonomie und Ökologie“ oder dem wachstumsfördernden Potenzial der neuen, „klimaschonenden“ Technologien die Rede ist, bereitet das exakt einer solchen Entwicklung den Boden.

Die Menschen als Profiteure einer Klimakatastrophe

So sollten wir in unserem eigenen Interesse nie vergessen, dass der Gedanke des „Klimaschutzes“ ein anthropozentrisches Konzept ist. Wenn wir es auf Kosten des Naturschutzes durchzusetzen versuchen, ist es zum Scheitern verurteilt. Dann können wir uns nur damit trösten, dass es – wenn auch vielleicht nicht für uns – auch ein Leben nach der Klimakatastrophe gibt. Schließlich sind wir selbst ebenfalls die Profiteure einer Klimakatastrophe: nämlich der Klimakatastrophe, die dem Leben der Dinosaurier auf diesem Planeten ein Ende bereitet hat.
Hätten die Dinosaurier auch nur annähernd so viel Energie auf die Erweiterung ihrer geistigen Kapazitäten wie auf die Ausdehnung ihrer Körpermasse verwandt, so hätten sicher auch sie alles Menschen-, sorry: Dinosauriermögliche für den Schutz des Klimas getan. In ihrem Fall hätte das wohl bedeutet, dass sie intensivste Anstrengungen unternommen hätten, um eine Kollision der Erde mit dem Asteroiden, der ihr Überleben auf dem Planeten unmöglich gemacht hat, zu verhindern.
Angenommen, den Dinosauriern wäre dies gelungen, so wäre das für sie natürlich eine tolle Sache gewesen. Die Menschen wären dann aber entweder gar nicht oder nur als Dinosaurierfutter in die Erdgeschichte eingetreten.
Als Mensch wird man einem solchen Szenario kaum etwas abgewinnen können. Vom Standpunkt der Natur aus betrachtet sieht die Sache allerdings schon ein wenig anders aus. Das Problem des menschengemachten Klimawandels gäbe es dann jedenfalls nicht. Und auch unzählige Tier- und Pflanzenarten, die der Gewinnsucht des Menschen zum Opfer gefallen sind, wären in diesem Fall nicht dem Untergang geweiht gewesen.

Beherrschung oder Bewahrung der Natur?

Mit christlichen Weltbildern, in denen der Mensch als „Krone der Schöpfung“ fungiert, sind derartige Gedankenspiele natürlich inkompatibel. Auch ein Philosoph wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel hätte sie wohl indigniert zurückgewiesen. Schließlich kommt in seiner spekulativen Philosophie des Geistes dem Menschen ebenfalls eine Schlüsselrolle zu. Dieser fungiert hier als komplementäre Entsprechung zum in Natur und Geschichte wirkenden „objektiven Geist“, der sich im „subjektiven Geist“ des Menschen seiner selbst bewusst wird.
Derartige teleologische, auf den Menschen als notwendiges Ziel der Geschichte zulaufende Weltbilder können sich auf zwei sehr unterschiedliche Weisen auf unser Verhältnis zur Natur auswirken. Sie können einerseits, religiös gesprochen, dazu führen, dass wir uns unserer Verantwortung für das Kunstwerk der Schöpfung, für das Gott in unserem Geist einen einzigartigen Spiegel geschaffen hat, in besonderer Weise bewusst werden. Sie können andererseits aber auch eine Hybris begünstigen, durch die der Mensch sich nicht als Sachwalter, sondern als Beherrscher und Neuschöpfer der unvollkommenen Natur betrachtet.
Wenn wir diesen Planeten als einen für uns lebenswerten Ort erhalten wollen, sollten wir uns eher um die erstgenannte, demütigere Haltung bemühen. Denn die zweite, prometheisch-selbstherrliche Haltung ist exakt die, durch die wir den Klimawandel erst hervorgebracht haben.

Die Sauriernatur des menschlichen Geistes

Im Kern geht es nun darum, dass wir vor uns selbst, der Geschichte und/oder Gott beweisen, dass wir den Dinosauriern überlegen sind. Zwar dürfen wir wohl davon ausgehen, dass wir, was unsere geistigen Kapazitäten anbelangt, unseren ungelenken Vorfahren gegenüber im Vorteil sind. Allerdings nutzen wir unseren Geist nicht selten so, als wären wir selbst Dinosaurier: Wir machen alles platt, was uns in die Quere kommt, und wir verwechseln den Miniaturausschnitt der Welt, den wir in unserem begrenzten Blickfeld wahrnehmen können, mit dem Universum.
Hier muss sich dringend etwas ändern. Ansonsten wird womöglich in ein paar tausend Jahren eine andere Spezies in derselben Weise von unserer ganz persönlichen „Klimakatastrophe“ profitieren, wie wir von der Klimakatastrophe der Dinosaurier profitiert haben. Und wenn dann in jener fernen Zukunft die Archäologen sich über die Trümmer unserer untergegangenen Kultur beugen, werden sie vielleicht exakt in unserem Versuch, „das“ Klima auf Kosten der Natur schützen zu wollen, das Äquivalent zu dem unheilvollen Asteroiden sehen, der einst den Dinosauriern den Garaus gemacht hat.

 

Bild: Youm Young Oum : City (Pixabay)

  2 comments for “Hegel, die Dinosaurier und wir

  1. September 22, 2019 um 2:19 pm

    Das ist ein sehr schöner Text. Er deckt den anthropozentrischen bzw. anthropoistischen Kern der Klimaideologie auf. Selbst wenn man sich dazu durchzuringen vermag, hinter dem Geschwafel von der Klimarettung etwas anderes zu suchen als die verlogene Rechtfertigung einer enthemmten Industrialisierung der noch existierenden Naturräume und letzten Rückzugsgebiete bedrohter Arten, kann man die Egozentrik der Weltrettungideologie nicht übersehen: Der Mensch soll sich nicht zusammen mit der ihn noch umgebenden Natur retten, sondern gegen sie und in Konkurrenz zu ihr. Die heimischen Wildtiere sind die ersten, die wir vom sinkenden Schiff herunterschubsen sollen. Bestenfalls die Tiere an den Polen und auf den Inseln sollen mitgerettet werden. Technolatrie und Exotismus wandeln Hand in Hand.

    Gefällt 2 Personen

  2. Oktober 3, 2019 um 6:29 pm

    Sehr richtig erkannt soll das Klima und die Umwelt möglichst künstlich gerettet bzw. gestaltet werden und keinesfalls der üblen Natur freie Hand gegeben werden, schließlich bekämpfen wir sie seit Jahrtausenden, intensiv seit Erfindung des Ackerbaus! So gut wie alle Vorschläge zum Klimaschutz sind technischer Art, sollen erst erzeugte Schäden reparieren, künstlich das Klima beeinflussen, und das möglichst im industriellen Maßstab. Genau so wird Forstwirtschaft betrieben, Landwirtschaft ja sowieso, und der sogenannte Umweltschutz. Da wird z.B. in den Niederlanden künstlich eine Insel aufgeschüttet auf der dann künstlich eine gestylte Natur entstehen kann – richtigerweise werden dann auch keine richtigen Wildtiere dort angesiedelt, sondern Heckrinder und ähnlich verspielte Kunstgestalten. Ganz ähnlich die Lündeburger Heide – Kulturlandschaft durch und durch – und weitere angeblich naturschützerische Unterfangen. In den bestehenden Forstanlagen entstehen dann Industrieparks – derzeit Windrädchen – und alte Abbauanlagen werden renaturiert (vorher werden aber ganze Wälder abgeräumt, das muß halt…). Mensch bleibt Mensch.

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