Kann man gleichzeitig gesellschaftskritisch und systemstabilisierend sein?
Jahresrückblick, Teil 5
Das Kabarett hatte stets auch einen politischen Anspruch. Aufgrund seiner Eigenart, diesen mit den Mitteln der Satire umzusetzen, befand es sich jedoch von Anfang an in einem Schwebezustand zwischen handlungswirksamer Kritik und unverbindlichem Amüsement.
Ausgangsthese für das Eintauchen in die Kabarettgeschichte
In der ersten Jahreshälfte war die Geschichte des Kabaretts ein Schwerpunkt auf rotherbaron. Meine Ausgangsthese war dabei, dass der zunehmende Begriffswandel vom Kabarett zur „Comedy“ auch einen Bedeutungswandel impliziert – dass also das Kabarett, anders als in seinen Anfängen, durch den Wandel zur Comedy zunehmend entpolitisiert wird.
Diese Ausgangsthese ließ sich in dieser Form nicht bestätigen. Zwar ist es richtig, dass die heutige Comedy – auch bedingt durch die Integration in die Unterhaltungskultur des Fernsehens – selbst im Falle dezidiert politischer Inhalte eher dem Amüsement als der Ermutigung zu gesellschaftsveränderndem Handeln dient. Nur ist diese Tendenz keineswegs ein Phänomen der Gegenwart. Sie beruht vielmehr auf einer strukturellen Problematik, die von Anfang an ein Wesenselement des Kabaretts war.
Das Kabarett als Ventil für Unzufriedenheit
Das moderne Kabarett hatte zwar seit seiner Geburt an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert stets auch einen politischen Anspruch. Gleichzeitig wollte es jedoch stets auch unterhalten, die Gesellschaftskritik also mit den Mitteln der Satire und des Wortwitzes umsetzen. Dadurch bestand schon für die frühen Formen des Kabaretts die Gefahr, dass die aus der Perspektive der Darbietenden auf gesellschaftsveränderndes Handeln abzielenden Programme vom Publikum schlicht als Amüsement rezipiert wurden.
Wird Gesellschaftskritik aber als bloße Unterhaltung konsumiert, so verkehrt sie sich tendenziell in ihr Gegenteil und stärkt die bestehenden Strukturen. Sie motiviert dann nicht mehr zur Umsetzung der Kritik in Aktion, sondern unterbindet dies sogar, indem sie der Unzufriedenheit ein Ventil verschafft.
Ernst von Wolzogen, der als Gründer des Berliner „Überbrettls“ gewissermaßen an der Wiege der deutschen Kabarettgeschichte stand, sieht die systemstabilisierende Funktion des Kabaretts im Rückblick sogar als entscheidenden Impuls für seine Unterstützung dieser Form von Kleinkunst an:
„Die weitgeöffnete Tatze, die sich lachend auf die Schenkel schlägt, ist weit harmloser als die in der Tasche geballte Faust.“ [1]
Diese zynische Begründung der Einrichtung von Kabarettbühnen hat in den 1930er Jahren auch Leopold Wolfgang Rochowanski, ein österreichischer Kulturredakteur und späterer Gründer des Agathon-Verlags, in seiner Kritik des Kabaretts bestätigt. In einem Artikel aus dem Jahr 1937 bezweifelte er grundsätzlich den systemkritischen Charakter des Kabaretts und schrieb ihm eher eine systemstabilisierende Wirkung zu:
„So ein richtiges Kabarett ist ein wichtiges Ventil, der Staatsarzt verschreibt es dem Bürger, wenn Fieber auszubrechen droht.“ [2]
Die Sogwirkung des Kulturbetriebs – und wie man sich dagegen wehren kann
Dessen ungeachtet ist es dem Kabarett immer wieder gelungen, mit den Mitteln der Satire gesellschaftliche Missstände bloßzustellen und zu ihrer Überwindung aufzurufen. Nur hat es sich dabei eben zumeist nur um Strohfeuer gehandelt. Dies war selbst bei der dadaistischen Bewegung der Fall.
Sobald eine kabarettistische Innovation sich als erfolgreich erwies, hat dies im Kulturbetrieb kommerzielle Begehrlichkeiten geweckt – mit der Konsequenz, dass viele kreative Ansätze zu einem bloßen Geschäftsmodell degeneriert sind. Aus der anarchisch-prärevolutionären Satire wurde dabei eine bloße Geste, eine Art imaginäre Anstecknadel für Salonkommunisten, die sich damit ihrer Anpassung an die bürgerliche Gesellschaft zum Trotz ein Bohème-Image geben konnten.
Das einzig wirksame Gegenmittel gegen die Gefahr, als kritisches Kabarett vom bürgerlichen Kulturbetrieb aufgesogen zu werden, scheint darin zu bestehen, die Darbietungen unmittelbar mit Protestbewegungen zu verbinden – also etwa im Rahmen von Demonstrationen, Sit-ins oder anderen Protestaktionen aufzutreten. Dabei besteht aber wiederum die Gefahr, dass das Kabarett die für eine Satire notwendige Distanz zum Geschehen verliert und zu einem reinen Agitprop-Element verkommt.
Das Kabarett: ein Widerspruch in sich
So ist das Kabarett letztlich ein Widerspruch in sich. Es lebt von der Distanz zum gesellschaftlichen Alltag, aus dem ihm die Kraft zur Satire erwächst. Gleichzeitig muss es diese Distanz jedoch überbrücken, um nicht entgegen seiner eigentlichen Intention mit seinen Bühnenwitzen als Ventil für Unzufriedenheit zu dienen und damit systemstabilisierend zu wirken.
Ein wenig ähnelt das Kabarett damit einem in die Luft geworfenen Ball. Wie dieser vor seinem Sturz auf den Boden in einem kurzen Moment der Schwerelosigkeit zu verharren scheint, kann auch das Kabarett seine gesellschaftskritische Wirkung nur so lange entfalten, wie es in jenem Schwebezustand verharrt, dem Publikum und Kulturbetrieb, aber auch die natürliche Eitelkeit der Darbietenden es in jedem Augenblick seiner Existenz zu entreißen versuchen.
Nachweise
[1] Ernst von Wolzogen, zit.nachHösch, Rudolf: Kabarett von gestern nach zeitgenössischen Berichten, Kritiken und Erinnerungen, Band 1: 1900 – 1933, S. 62. Berlin 1967: Henschel.
[2] Leopold Wolfgang Rochowanski, zit. nach Jarka, Horst: Opposition zur ständestaatlichen Literaturpolitik und literarischer Widerstand. In: Amann, Klaus / Berger, Albert: Österreichische Literatur der dreißiger Jahre. Ideologische Verhältnisse, institutionelle Voraussetzungen, Fallstudien, S. 13 – 41 (hier S. 31). Wien u.a. 1985: Böhlau.
Link zur PDF mit allen Beiträgen der Reihe
Das Kabarett und seine Gedichte. Ein dichterischer Rückblick auf die Geschichte des deutschsprachigen Kabaretts (auch als Ebook erhältlich).
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Einzelposts
Eine schwarze Katze als Urahnin des Kabaretts: Das Pariser Chat Noir
Inspirationsquelle für das frühe deutsche Kabarett: Otto Julius Bierbaums Roman Stilpe
Ein flackerndes Strohfeuer: Die Anfänge des deutschsprachigen Kabaretts
Kabarett aus dem Geist des Antimilitarismus: Das Züricher Cabaret Voltaire
Das Kabarett verlässt die Bühne: Die Aktionskunst des Berliner Dadaismus
Wortwitz und wilde Bühnen: Das Kabarett in der Weimarer Republik
Zwischen Anpassung und innerer Emigration: Das Kabarett im Dritten Reich
Das Kabarett überschreitet die Grenzen: Erika Manns Kabarett Die Pfeffermühle
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